Sterneküche: Einsunternull in Berlin

Gruß aus der Küche

Das Einsunternull in der Hannoverschen Straße in Berlin ist von außen so unscheinbar, dass wir erst einmal daran vorbei gehen. Drinnen ist es ganz gemütlich mit Holztischen und Lederstühlen – zumindest im Erdgeschoss. Denn eins unter Null saßen wir leider nicht, als wir an einem Samstagabend im Mai dort waren: Nach einem Wasserschaden vor einiger Zeit wurde der Raum noch renoviert.

Im Einsunternull

Dafür hat man im Erdgeschoss durch die großen Fenster den Blick in die Küche. Dort wuseln die Köche den ganzen Abend hin und her. Manchmal halten sie inne, um mit der Pinzette die Gänge zu dekorieren. Und dann wird mir wieder bewusst, dass jeder einzelne Gang, der als kleines Kunstwerk auf meinem Tisch landet, eben Handarbeit ist. Und die hat nun einmal ihren Preis.

Kein Schickimicki im Einsunternull

Der Raum an sich ist sonst eher unspektakulär, er könnte so in vielen Gasthäusern sein. Auch den Gästen sieht man nicht zwingend an, dass sie sich das Menü im Einsunternull leisten können. Die Zeiten sind eben vorbei, in denen ein Sternerestaurant steife weiße Tischdecken und Stuhlhussen braucht, und in denen männliche Gäste im Anzug mit Krawatte zum Hemd und Frauen im Festtagskleidung erscheinen. Das finde ich auch ganz gut so. Allerdings darf man dabei trotzdem nicht vergessen, dass so ein Abend im Sternerestaurant immer etwas Besonderes ist, und dass man das genießen sollte. Zumindest ist es bei mir so: Ein Abendessen für zwei Personen, das mit Weinbegleitung und Trinkgeld dem Preis eines einwöchigen Urlaubs in Ägypten mit Flug und Halbpension nahekommt, muss für mich die Ausnahme bleiben. Das kann und will ich mir nicht jeden Monat leisten. Darum ist es auch so wichtig, an einem solchen Abend nicht über die kleinen Ärgernisse des Alltags zu reden, über Streitigkeiten und Probleme, denn damit würde man einen solchen Abend nur unnötig belasten.

Keine Entscheidungsprobleme im Einsunternull

Im Einsunternull wird einem eine Sache allerdings recht leicht gemacht: Es gibt ein vegetarisches Menü oder eines mit Fisch und Fleisch, man muss also nicht viel nachdenken, und die Entscheidung dürfte den meisten eher leicht fallen. Das Menü hat sieben Gänge. Das klingt erst einmal nach viel. Aber wie meistens beim Fine Dining sind die Gänge ziemlich klein. In meinem Fall hat es darum sehr lange gedauert, bis sich ein Sättigungsgefühl eingestellt hat. Das war doof, weil ich schon ziemlich hungrig ins Restaurant gekommen war. Schlechtes Timing von meiner Seite. Darum musste auch der Brotkorb einmal nachgefüllt werden. 

Ausgesprochen ungewöhnliche Weinbegleitung im Einsunternull

Etwas unglücklich bin ich über die Weinbegleitung. Ich muss zwar zugeben, dass ich noch nie so ungewöhnliche Weine getrunken habe. Und auch, dass Google die Preise der meisten Flaschen in einem Bereich nennt, den ich beim Weinkauf eher selten in Betracht ziehe. Trotzdem finde ich, dass ein Hinweis in der Karte auf den Preis der Weinbegleitung nett wäre. Natürlich könnte man als Gast auch fragen. Haben wir nicht. Selbst schuld. So hat uns die Rechnung am Ende mit einer Summe pro Person überrascht, mit der wir nicht gerechnet hatten. Zwei Drittel des Menüpreises für den Wein auszugeben, ist zwar in Sternerestaurants nicht unüblich. Ich hätte mich aber besser darauf einstellen können, wenn ich es vorher gewusst hätte. So habe ich irgendwie das Gefühl, negativ überrascht worden zu sein. Dafür verstehe ich jetzt, warum die vier Gäste hinter uns sich vehement gegen die Weinbegleitung ausgesprochen haben. Sie waren, wie ich dem Gespräch entnahm, nicht das erste Mal da. 

Von den Weinen, die mich mit ihren Geschmäckern überrascht haben, habe ich Fotos gemacht – nicht besonders schöne. Sie sollten eigentlich nur eine Gedächtnisstütze für mich sein, um vielleicht irgendwann einmal eine Flasche nachzukaufen. Falls Ihr Euch aber dafür interessiert: Das waren sie.

  • Der Cotar kommt aus Slowenien und ist sehr kräftig, erinnert mehr an Cider denn an einen Weißwein. 
  • Der Pacina aus der Toskana war ebenfalls sehr kräftig – und mir ist irgendwie der Geschmack von Leder im Gedächtnis geblieben. 
  • Beim Wein vom Weingut Scheu hat der Inhaber des Einsunternull selbst Hand angelegt – darum gibt es hier eine restauranteigene limited edition.

Eigentlich sind wir nicht die großen Trinker. Und sieben Gläser zu sieben Gängen hätte ich wirklich nicht gebraucht. Das haben wir auch bei der Bestellung gesagt. Die Antwort: „Wenn Sie einen Wein nicht mögen, oder pausieren wollen, lassen Sie es uns einfach wissen.“ Da die neuen Gläser und der jeweils neue Wein aber mit solch einem Tempo regelmäßig gebracht wurden, hatte ich gefühlt gar nicht die Gelegenheit, einmal um eine Pause zu bitten. Und, um das nochmals zu sagen, bei einer Pause hätte man auch wirklich ganz erstaunliche Weine verpasst. Insofern war’s halt teuer – aber zumindest ausgesprochen bemerkenswert.

Und was gab’s denn jetzt zu essen?

Die Speisekarte liest sich wenig romantisch: „Saibling. Kalbskopf Kapern Apfel“ steht da beispielsweise. Nach dem Gruß aus der Küche ist das der zweite Gang:

Sieht besser aus, als es klingt

Der Gruß aus der Küche bestand übrigens unter anderem aus einem Berliner mit Blutwurstfüllung. Das ist ungewöhnlich – und delikat. Im Gedächtnis geblieben ist mir natürlich der Broiler-Gang mit den Pommes. Natürlich hatten wir damit gerechnet, dass auch das eine überschaubare Größe sein würde. Um ehrlich zu sein: zwei Pommes pro Person finde ich allerdings doch etwas zu minimalistisch. Das Eigelb, so wies man uns an, sollten wir auf jeden Fall gut vermatschen. Haben wir natürlich mit großem Spaß getan.

Zwei Pommes. Zwei!

In leichte Panik versetzte mich das Shortrib Sonnenalle mit den Bienenpollen: Sind sie pflanzlich? Oder mit Tierischem gemischt? Dann hätte ich ein Allergieproblem gehabt. Aber wer rechnet im Restaurant auch damit, in irgendeiner Form mit etwas von der Biene auf dem Teller konfrontiert zu werden. Google gab mir erfreulicherweise Entwarnung, ein leicht ungutes Gefühl blieb trotzdem. Dabei sind Heuschnupfengeplagte bei Bienenpollen viel mehr gefährdet, einen allergischen Schock zu bekommen – sagt das Internet.

Bienenpollen – eine Herausforderung

Der Nachtisch war auch lecker: Irgendwas mit Rhabarber. Und zum Abschluss noch die Pralinen – eine mit Basilikum – ungewöhnlich. Eine mit Macadamia-Nuss – köstlich. Die dritte fand ich nicht überzeugend, ich meine sie sei mit Banane gewesen.

Mein Fazit: Sternerestaurant Einsunternull, Berlin

Das Essen war top. Die Weine waren sensationell. Der Service meistens sehr nett. Der Stern ist verdient, der Preis etwas höher als ich es von der Kölner Sterneküche gewohnt bin. Theoretisch würde ich wiederkommen. Aber in Berlin gibt es noch so viele Sternerestaurants, die auch irgendwann einmal einen Besuch verdient haben.

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