Warum mein erster Corona-Städtetrip ernüchternd war

Ausreichend Masken für den ersten Corona-Städtetrip

Es ist Juni 2020. Man hat sich in seiner Corona-Blase eingerichtet. Sie wird geprägt durch die Nachrichten, die man liest, hört und sieht, durch Freunde, durch die Gesellschaft der Stadt, in der man lebt. Dann kommen die ersten Lockerungen. In der Hoffnung, dadurch ein Stück meines alten Lebens zurückzugewinnen, bin ich zu einem Städtetrip nach Berlin aufgebrochen.

Zugegeben: ich kann mir derzeit idyllischere Reiseziele vorstellen. Aber das Hotel hatte mein Guthaben aus dem Mai, die Zugtickets wollte ich ebenfalls abfahren, bevor sie verfallen. Und überhaupt: Was sollte in Berlin schon anders sein als in meiner Kölner Corona-Blase? Falsch gedacht! Der viertägige Corona-Städtetrip waren voll mit Erfahrungen, die einem harten Aufprall in der Realität ähneln. Alles ist anders im New Normal. Und Spaß macht mir das nur begrenzt.

Der Corona-Städtetrip beginnt im Zug – und ist erschreckend

Meine Corona-Blase wird schon bei der Hinfahrt im Zug gelöchert: Vor mir sitzen Mutter und Tochter. Tochter hat etwa mein Alter, Mutter ist entsprechend älter. Mutter trägt gar keine Maske, Tochter nur ab und zu. Selbst, als wir auf offener Strecke stehen und die Lüftung ausfällt, überhört sie freundlich die Bitte eines Mitreisenden, doch wenigstens jetzt ihren Mund-Nasen-Schutz aufzusetzen. Ich stelle mir vor, wie ihre Aerosole überall um mich herum sind, und ich mag im Wagen nicht mehr essen. Möglicherweise werde ich das auch künftig nicht mehr tun. Dafür bin ich froh, mir vor der Fahrt eine FFP2-Maske gekauft zu haben. 

Berlin Hauptbahnhof. Nicht alle Leute tragen Maske. Davon abgesehen ist es noch ziemlich leer.

In Berlin ereilt mich gleich der zweite Schock: Während ich schon die Kölner als etwas nachlässig mit dem Nasen-Mund-Schutz beim Fahren mit der KVB empfunden habe, ist Berlin um ein Vielfaches schlimmer. Zwar tragen viele Menschen während meines Corona-Städtetrip in den U- und S-Bahnen einen Schutz, aber eben längst nicht alle. In Relation zu Köln sind es sogar viel mehr, die darauf verzichten – und nicht nur sich selbst gefährden, sondern eben auch ihre Mitmenschen. Sozialkompatibilität sieht anders aus. Aber Berlin galt ja schon immer als Hauptstadt der Egoisten.

Unterkunft im Geister-Hotel

Weiter geht meine ernüchternde Erfahrung im Hotel: Ich treffe an vier Tagen kaum Gäste in der Lobby, im Flur oder am Aufzug. Im Hotel ist es so ruhig, dass es fast unheimlich ist. Was mich enttäuscht: Am Schreibtisch und im Bad sind große Flecken, die ich leicht mit Wasser und Papier wegbekomme. Dabei werden die Zimmer wegen Corona sowieso nicht mehr täglich gereinigt. Da könnte man doch wenigstens vor dem Neubezug richtig sauber machen. Am vorletzten Morgen bestelle ich neue Handtücher. Natürlich sind sie am Abend nicht geliefert worden, ich hole sie mir also an der Rezeption ab. 

Der Abstand passt. Aber das Frühstück ist nicht gut organisiert.

Ähnlich traurig meine Erfahrungen beim Frühstück: Dort stelle ich fest, dass durchaus noch andere Gäste auf Corona-Städtetrip im Haus sind. Die Tische stehen weit genug auseinander. Aber sowohl mein Kaffeelöffel als auch mein Messer sind schmutzig – ich wische beides mit der Serviette ab, denn, das Personal scheint total überfordert mit der Situation zu sein: Kaffee und Brötchen müssen wir zweimal bestellen, um sie einmal zu bekommen. Für zwei Personen liefert uns die junge Dame je ein Brötchen – das nicht einmal frisch vom Bäcker ist, sondern eher ziemlich fad und trocken schmeckt. Die sogenannten Basisteller holt sich jeder Gast selbst ab, sie sind mit Butter, Marmelade, Käse, Wurst und vegetarischer Paste angerichtet. Sinnvoller wäre aus meiner Sicht, die Gäste am Vorabend zu fragen, was sie wünschen, und ihnen das zum Tisch zu bringen.

Warum ich zwei Restaurants während meines Corona-Städtetrips unterdurchschnittlich fand

A propos Essen: Natürlich müssen wir in Berlin auch Essen gehen. Und auch hier bin ich geschockt: Zwar läuft in Köln auch nicht überall alles rund. Aber in den beiden Berliner Restaurants, in denen wir waren, war ich schon erstaunt: Im ersten gab man uns einen kleinen Zettel, um unsere Anwesenheit zu dokumentieren – mit der Postadresse. Ich frage mich, ob mir das Berliner Gesundheitsamt einen Brief nach Hause schicken soll, falls ich mit Infizierten in einem Raum war. Darum gebe ich vorsorglich meine Handynummer an. Hätte ich aber den Zettel nicht wieder am Empfang abgegeben – ich fürchte, es hätte kein Hahn danach gekräht. Aber möglicherweise wurde er auch so am Abend einfach entsorgt. Immerhin war ein Fenster im Gastraum geöffnet, so dass frische Luft hereinkam, und die Gäste hatten Platz.

Recht klein, das Zettelchen für die Adressdokumentation

Schlimmer am nächsten Abend: Kein Desinfektionsspray am Eingang. Ein Raum, halb so groß wie der am Vorabend, in dem schon sechs Gäste bei geschlossenem Fenster saßen. Ich bat darum, dieses zu öffnen und fragte, ob man die anderen 14 Plätze im Laufe des Abends auch noch besetzen wolle. „Jaja“, versicherte mir der Herr, „wenn noch mehr Gäste kommen“. Ich sagte ihm, dass ich das zu voll finde, das wiederum löste bei der Dame am Nebentisch aus: „Also das geht jetzt doch zu weit!“. Letztlich haben wir dort nicht wie geplant drei Gänge gegessen, sondern nur sehr schnell die Hauptmahlzeit. Muss man betonen, dass unsere Adressdaten nicht erfasst wurden? Oder dass außer uns kaum ein anderer Gast mit Maske zum Tisch ging?

Das Corona-Leben in der Stadt

Auffallend war außerdem beim Corona-Städtetrip, wie leer Berlin-Mitte während dieser vier Tage war. In Köln-Ehrenfeld sind deutlich mehr Menschen auf der Straße. Wir kamen an Bars und Restaurants vorbei, in denen keine oder kaum Gäste saßen. Ein Restaurant hatte gar nicht erst geöffnet, sondern ein großes Schild im Fenster: In Berlin wird für den Mittelstand nichts getan. In Mitte war es offensichtlich: Es fehlen die Besucher, Gäste aus anderen Ländern sowieso. Und auch wenn es in Berlin oft zu voll war: Jetzt ist zumindest Mitte so leer, dass es kaum einen Grund gibt, den Abend dort zu verbringen.

Museumsbesuch und andere touristische Attraktionen im new Normal

Im Futurum – ganz schön warm. Aber sehr spannend.

Auch Museumsbesuche und Stadtführungen sind in Corona-Zeiten anders: Da im Museum keine Spinde zur Verfügung stehen, wird es schnell warm in der Jacke. Und die Nase-Mund-Bedeckung macht die Situation nicht besser – schon gar nicht wenn man Träger einer ständig beschlagenen Brille ist. Auch Stadtführungen mit Maske sind etwas eigenwillig, besonders, wenn sie dem Guide ständig herunterrutscht.

Mein Fazit: Im Nachhinein muss ich mir eingestehen, dass es für einen Corona-Städtetrip noch zu früh war. Durch die Lockerungen ist nichts wie früher. Sie waren lediglich ein Schritt in ein neues Normal, das mich nicht wirklich glücklich macht. Und weil auch ich Einbußen durch Corona habe, sehe ich nicht ein, mein hart verdientes Geld Unternehmen zu geben, die nicht einmal versuchen, die Gesellschaft vor einem Virus zu schützen. Da bleibe ich doch lieber zuhause.

Das bedeutet aber auch, dass mein Geld nicht im Wirtschaftskreislauf ankommt. Was das für die Unternehmen bedeutet, liegt auf der Hand. Die Situation könnte sich verstärken, wenn mehr und mehr Menschen auf der Suche nach ihrem alten Leben in das New Normal stolpern und sich dort auch nicht wirklich wohlfühlen. Allerdings haben es die Unternehmer in der Hand: Wenn sie beweisen, dass sie die Corona-Schutzverordnung einhalten, könnten sie den Kunden und Gästen etwas von der früheren Sicherheit zurückgeben.

Motel One am Alexanderplatz: Geht doch!

Das Motel One am Alexanderplatz beispielsweise, in dem wir einen Gin Tonic getrunken haben, hat alle Regeln sehr gut umgesetzt. Ähnlich auch einige Cafés, Bars und Restaurants in Köln. Dramatisch wäre es allerdings, wenn immer mehr Menschen schlechte Erfahrungen machen – und dann auch nicht mehr in die Lokale gehen, die sich Mühe geben. Dann hätte das Virus nicht nur weltweit viele Leben gekostet, sondern auch sehr bald die Wirtschaft zerstört. 

8 Kommentare auch kommentieren

  1. Peter Jebsen sagt:

    Schade, dass du nicht die Namen des Hotels und der Restaurants genannt hast, mit denen du so unzufrieden warst.

    Gab es in der Bahn keinen Zugbegleiter, der die Einhaltung der Maskenpflicht kontrollierte?

    1. BettinaBlass sagt:

      Hallo Peter,
      ich möchte die Restaurants und Hotels nicht an den Pranger stellen. Stattdessen habe ich beschlossen, immer auf Instagram, Facebook, Twitter oder im Blog hervorzuheben, wenn eine Location die Corona-Maßnahmen gut umsetzt. Im Hotel habe ich allerdings bei der Abreise gesagt, an welchen Punkten ich nicht zufrieden war.

      Und: Du glaubst nicht, wie schnell Reisende ihre Maske aufziehen, wenn ein Schaffner kommt. Sobald er aber vorbei ist, hängt sie wieder an einem Ohr oder unter dem Kinn – in den Zügen der Deutschen Bahn genau so wie bei KVB oder BVG und vermutlich überall.

      Viele Grüße
      Bettina

      1. Peter Jebsen sagt:

        Hallo Bettina, dies ist natürlich eine Sache der persönlichen Einstellung. Ich empfinde es nicht als “Pranger”, sondern als Kundendienst von Journalisten, wenn wir wahrheitsgemäß über Erfahrungen berichten, die wir als negativ empfinden oder die gar rechtswidrige Schlampereien repräsentieren. Ich freue mich, wenn mich KollegInnen oder andere AutorInnen von Bewertungen vor potenziellen Reinfällen bewahren, und nenne daher in solchen Situationen *stets* Ross und Reiter. Mir fällt kein vernünftiger Grund ein, warum ich den LeserInnen solch wichtige Informationen vorenthalten sollte. Ich will sie doch nicht sehenden Auges in negative Erlebnisse hineinstolpern lassen! LG/P.

        1. BettinaBlass sagt:

          Hallo Peter, ja, das ist eine persönliche Einstellung. Wenn ein Unternehmen negative AGBs hat, von denen ich einen Screenshot machen kann, habe ich kein Problem damit, es zu benennen. Auch dann nicht, wenn ich einen Beweis mit versteckter Kamera hätte.

          In den beiden Restaurants, in denen ich war, scheint sich außer uns aber niemand an der Situation gestört zu haben – obwohl sie nicht der damals geltenden Schutzverordnung entsprach. Und vielleicht lag es auch nur daran, dass Mitarbeiter x bei unserem Besuch verantwortlich war. Mitarbeiter y hat es am Vortag möglicherweise besser gemacht.

          Hinzu kommt: Nenne ich hier die Namen der Restaurants, ist das auch Werbung. Wer sich nicht an die Verordnung halten möchte, wird sehr gerne genau in diese Restaurants gehen. Ich möchte diese Lokale aber überhaupt nicht unterstützen. Auch darum finde ich es konstruktiver, meinen Leser*innen zu sagen, wo ich mich wohl gefühlt habe.

          Wer mich allerdings persönlich anschreibt, wird von mir selbstverständlich eine Antwort bekommen.

          Viele Grüße

  2. Nicole sagt:

    Sehr interessanter Artikel – vielen Dank!
    Was mich auch interessieren würde: Hast du mit Berlinern über die Situation gesprochen? Vielleicht jemand, der in Berlin schon deutlich mehr Restaurantbesuche hinter sich hat?
    Wird dein Bild bestätigt? Oder hast du Pech gehabt?

    1. BettinaBlass sagt:

      Liebe Nicole,
      ich habe mit einem Städteführer gesprochen, mit einer Ladenbesitzerin und unseren Freunden ;-). Und heute habe ich mit einem geschäftlichen Kontakt darüber gesprochen sowie mit zwei Berliner Bloggern. Da sie in der letzten Monaten nicht in Köln waren, fehlt ihnen natürlich der Vergleich. Der Tenor ist: Es sind vor allem die Jungen. Wenn aber die “Alten” nicht mehr auf die Straße gehen oder den ÖPNV nutzen, dann hat das gesellschaftliche und wirtschaftliche Konsequenzen, die so nicht sein dürfen. Alle, mit denen ich gesprochen haben, sagten mir auch, dass sie sich an die Regeln halten. Einstimmig war man außerdem der Meinung, dass die Gastronomie sehr sorglos in Berlin mit der Schutzverordnung umgeht. Ich finde das schade. Zunächst habe ich gedacht, vielleicht habe Berlin einfach andere Regeln als Köln. Darum habe ich mir die geltende Schutzverordnung durchgelesen. Aber nein, wir haben ungefähr die gleichen Infiziertenzahlen auf 100.000 Einwohner, als auch dieselben Regeln in der Gastronomie.
      Viele Grüße
      Bettina

  3. Erik sagt:

    Danke für Deinen interessanten Bericht.
    Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Deutschland im Juli zu besuchen, habe mir jedoch schon gedacht dass das derzeit nicht so entspannt sei.
    Ich hoffe dass die Infektionszahlen weiter zurückgehen und die Maßnahmen immer weiger bedeutend sein werden. Dann freue ich mich auf den nächsten OpJück-Städtereisebericht!

    1. BettinaBlass sagt:

      Lieber Erik,
      Köln empfinde ich eigentlich trotz Maßnahmen und Masken als ziemlich entspannt. Thüringen soll auch sehr entspannt sein – weil es dort kaum Infizierte gab und dementsprechend die Maßnahmen lockerer gehandhabt werden. Von Bayern habe ich gehört, dass es um einiges ungemütlicher, dafür aber gefühlt sicherer ist. Es kommt glaube ich sehr darauf an, was man machen möchte. Viel Zeit mit Freunden und Familie oder in der Natur zu verbringen sollte kaum ein Problem sein. Ein ausgedehnte Städterundreise würde ich derzeit eher noch verschieben.
      Liebe Grüße
      Bettina

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