Köln: Stadtspaziergang durchs Gerling-Quartier

Cooler Blick
Cooler Blick

Es steht außer Frage: Der Blick ist fantastisch. Links blinkt der Kölnturm, rechts davon strahlt der Colonius in Magenta, und wenn man auf dem schmalen Balkon um die Kurve geht, hat man selbstverständlich Domblick. Ich bin überrascht, wie schnell die Monkey-Bar im neuen 25hours-Hotel in Köln ein Anziehungspunkt wurde. Gegen 19 Uhr an einem Mittwoch ist es fast schon schwierig, einen Platz zu finden. Um ehrlich zu sein: Die Ehrenfelder Szene-Bars sind mir lieber. The Bär, Klub Berlin oder selbst die kühle Bar Zwei haben mehr Flair, mehr Auswahl, sind günstiger und haben die cooleren Gäste.

Gerling-Quartier mit Hotel, Bar und Restaurant

Trotzdem ist das Gebäude an sich ein echtes Highlight im Ein-Millionen-Dorf um den Dom. Der Rundbau war zu Zeiten Hans Gerlings die Schalterhalle, in der die Kunden Geld in ihre Versicherungen einzahlten, lerne ich bei einem Stadtrundgang mit der Kölner Journalisten-Vereinigung. Erhalten sind von damals noch die schwarzen Marmornischen, die Lichtkuppel und der runde Tresen. Heute sieht es dort allerdings retro-futuristisch aus. So lautet der Fachbegriff für die Kombination aus unter anderem Astronauten, UFOs, Leihfahrrädern und einem Schallplattenladen. 207 Zimmer hat das Hotel, und ich glaube, ohne die Zimmer bisher gesehen zu haben, dass es eine echte Konkurrenz zu den vielen Neueröffnungen der vergangenen Jahre in Köln ist.

Vom Restaurant Neni kann ich das allerdings nicht sagen: Ich mag zwar den industriell angehauchten Stil mit den großen Fenstern und den Lampen aus Metall – aber es ist mir viel zu laut. Selbst die Bedienung konnte nicht verstehen, was wir bestellten. Auf unsere Anmerkung, dass man das doch als Anlass nehmen könnte, die Musik leiser zu drehen, bekamen wir aber nur die Antwort, dass das Konzept das nicht vorsehe. Restaurants, in denen Konzepte wichtiger als Menschen sind, sind leider so gar nicht mein Fall. Hinzu kommt, dass mein Essen übersichtlich, geschmacksneutral, aber dafür teuer war. Insofern verbringe ich meine Abende in Zukunft lieber in einem der guten Kölner Restaurants.

Zur Geschichte des Gerling-Quartiers
1920 hat Robert Gerling den Palais Langen als Sitz für seine Versicherung gekauft
In den 1930er Jahren wurde eine Erweiterung gebaut
1935 starb Robert Gerling
1949 übernahm Hans Gerling die Firma und ließ die Kriegsschäden beheben.
1959 baute man das Hochhaus. Es folgten der Rundbau und der Hufeisenbau.
1991 starb Hans Gerling
2006 hat Talanx Gerling übernommen und die alten Gebäude verkauft
2011 Grundsteinlegung des neuen Gerling-Quartiers
2014 ziehen die ersten Bewohner ins Gerling-Quartier
2018 im August öffnet das 25hours

Höchstpreise im Gerling-Quartier

Der Gerling-Rundbau ist zwar sicherlich ein Herzstück des neuen Quartiers, aber zu sehen gibt es dort noch mehr. Dort, wo einst die Versicherung von Hans’ Vater Robert Gerling wuchs und wuchs, gibt es jetzt teure Wohnungen und Büros. Im Agrippina-Palais und den Nachbargebäuden sind sie sogar so teuer, dass die Bewohner es vorziehen, hinter einem Zaun zu leben. Ein Reichen-Ghetto mitten in Köln – allerdings mit interessanten Nachbarn. Denn wirklich schön sind in diesem seelenlosen Teil der Stadt gegenüber der Kirche Sankt Gereon das alte Stadtarchiv, in dem heute das Boutique-Hotel The Qvest ist, und die ehemalige zugehörige Kapelle, die jetzt als Galerie dient. The Qvest hat Zimmer im Stil der 50er- und 70er-Jahre, erzählt die Dame, die mit uns die Stadtführung macht. Und die netzartige Struktur an der Fassade soll zeigen, dass es hier früher einen Anbau gab.

Gerling-Quartier: italienische Piazza ohne Italiener

Wer um die Kapelle drumherum geht, kommt um einige Ecken zum ehemaligen Ehrenhof, der heute eine italienische Piazza sein soll. Zwar stehen dort einige kleine Bäume und es gibt Brunnen, hier und da sitzt sogar jemand in der Sonne, aber alles in allem macht das große Haus Colonia einen unbewohnten Eindruck. Dabei sind alle Wohnungen verkauft und zwar zu Höchstpreisen. 5000 bis 8500 Euro soll hier der Quadratmeter kosten, das Penthouse im Gerling-Hochhaus sogar 17.000 Euro pro Quadratmeter. Für Laien ist es nicht einfach zu erkennen, was Bestandsimmobilien sind, was Neubauten aus der Nachverdichtung und was die aufgefrischten Gebäude. Die Grundregel lautet: Häuser mit Muschelkalkplatten sind alt, wurden entkernt und unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes neu gemacht – allerdings ist keine der Fassadenplatten mehr ein Original.

Wird sich das Gerling-Quartier mit Leben füllen?

Der Denkmalschutz ist auch der Grund, warum es zur Piazza hinaus keine Balkone geben darf. Sie sind stattdessen an den Rückseiten der Gebäude, als Loggien innerhalb der Häuser oder als Austritte mit gläserner Brüstung an der Seite angebracht. Mich erinnert der Platz an die Bauweise des Berliner Olympiastadions, und das kommt nicht von ungefähr: Beides ist auf seine Weise das, was wir heute als Nazi-Architektur empfinden. Auf mich wirken die Gebäude kühl, menschenfeindlich, martialisch. Gemütlich finde ich es dort nicht, und der erste Italiener, die einzige Gastronomie im Gerling-Quartier außer dem Neni, hat auch schon wieder geschlossen. Die Räume stehen leer.

Nun hat es auch einige Zeit gedauert, bis der Mediapark und der Rheinauhafen von den Kölnern angenommen worden waren. Aber mitten in der Stadt sollte man eigentlich denken, dass sich ein Viertel schnell mit Leben füllt. Davon kann ich jedoch nichts fühlen – und das, obwohl die ersten Bewohner schon vor vier Jahren eingezogen sind. Vielleicht, so ist meine Hoffnung, bringen das 25hours mit Bar und Restaurant jetzt wenigstens ein bisschen Leben ins Quartier.

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