Mit dem Zug durch China

Zug von Beijing nach Qingdao
Zug von Beijing nach Qingdao

Es ist ein bisschen merkwürdig: Wer einen Visumsantrag für China stellt, muss seinen Reiseverlauf dokumentieren. Zugtickets kann man jedoch erst 14 Tage vor Abfahrt kaufen, das Visum sollte früher beantragt werden. Die Visumsagentur rät uns darum, den Reiseverlauf aufzuschreiben und ausführlich zu begründen, warum wir zum Zeitpunkt des Visumsantrages noch kein Zugticket haben. Das klappt.

Zwei Wochen vor unserer Zugfahrt buchen wir dann die Tickets online über travelchinaguide.com. Das ist sehr einfach, am Ende muss man nur einen Scan des Reisepasses ins Netz laden und mit Paypal bezahlen. Dann kommen die Tickets entweder direkt ins Hotel, oder man muss sie mit dem Reisepass am Bahnhof abholen. Um diesen Vorgang zu erleichtern, schickt die das Onlinereisebüro ein PDF. Darauf steht in Englisch und auf Chinesisch der Satz „Guten Tag. Ich möchte mein Ticket abholen. Bitte drucken Sie es aus.“ Darunter sind alle notwendigen Daten: Passnummer, Abfahrt, Ziel. Auch das klappt: Innerhalb von Minuten bekommen wir in Beijing unsere Zugtickets.

Das Onlinereisebüro ist aber noch hilfreicher: Es bietet Fotostrecken zu den einzelnen Stationen einer Zugfahrt: „So betreten Sie den Bahnhof“, „So finden Sie Ihren Wartebereich“, „So finden Sie ihren Platz“. So vorbereitet war es nahezu ein Kinderspiel, von Beijing nach Qingdao zu fahren. Wir nahmen in Beijing die U-Bahn, die je nach Linie zu den Stoßzeiten sehr voll ist. Bevor wir in die U-Bahn durften, mussten wir und das Gepäck durch einen Sicherheitscheck wie am Flughafen. Am Bahnhof sieht man auf einer Anzeigetafel seine Zugnummer und das zugehörige Gate. Dann geht man zum entsprechenden Wartebereich – die meisten sind im zweiten Stock. Dort bedient ein Gate zwei Züge, die nacheinander abgefertigt werden. Steht der gewählte Zug oben auf der Tafel und sind die chinesischen Zeichen hinter ihm grün, darf man durch die Eintrittskontrolle, an der man das Ticket und den Pass vorzeigen muss.

Der Zug selbst ist etwas breiter als ein ICE und die Sitze sind klobiger, aber die Kofferablage, die St. Gobain Fenster mit Jalousien und Notfallhammer, die digitale Anzeige und sogar die Signaltöne lassen auf eine deutsche Beteiligung am Zug schließen. Ist der Zug losgefahren, kontrolliert nochmals eine Frau in Uniform Ticket und Pass, ein Polizist geht mit einer handygroßen Kamera durch den Gang und filmt. Die Mitreisenden unterhalten sich lautstark, irgendwo ist Musik an, ein Video läuft auf einem Handy, ein anderes Mobilfunkgerät klingelt. Auf den Deckenmonitoren im Gang laufen in Endlosschleife die Tore der WM-Spiele der letzten Jahrzehnte.


Das kurze Video ist mit Videolicious gemacht. Mehr dazu auf Bild statt Text.

Die Gruppe vor uns ist gut organisiert: Jeder hat eine Tüte Obst oder Gemüse dabei: Pfirsiche, Äpfel, Aprikosen, Gurken. Jeder nimmt sich etwas aus jeder Tüte, gemeinsam verzehrt man es schmatzend. Zur Mittagszeit folgen gekochte Kartoffeln, Maiskolben und unterschiedliche grüne Blätter. Es werden Plastikdosen voll mit Fleischstücken, Pilzen und Bohnen ausgepackt. Noch nie habe ich Menschen auf einer Zugfahrt soviel essen sehen. Eine Zugbegleiterin verteilt Snacks: Butterkekse, Erdnüsse, zwei Bonbons, die sehr weich sind und an Gummibärchen erinnern. Sie schmecken nach Banane. Der vierte Snack ist nicht definierbar. Wir schätzen, es ist getrocknetes Fleisch. Es schmeckt aber nach Lebkuchenbröseln. Zusätzlich weht ein Geruch nach heißer Instantnudelsuppe durch den Wagen. Nach eineinhalb Stunden riecht man deutlich, dass die Toilette nah sein muss. Außer uns scheint sich niemand am Geruch zu stören.

Während wir mit 300 Stundenkilometern auf Qingdao zufahren, reinigt eine Dame ständig mit einem Besen den Boden, eine andere nimmt die gefüllte Mülltüte mit und reicht eine neue, eine dritte feudelt den Boden feucht. Draußen zieht im grauen Einerlei eine flache, nichtssagende Landschaft vorbei. Ab und zu Häuser, Bäume, Strommasten, Felder. So ist es also, wenn man in China Zug fährt.

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