Eine Nacht in Bonn

Bonn, Zentrum
Bonn, Zentrum

Natürlich war ich schon in Bonn. Zu Konzerten in der Beethovenhalle, in Ausstellungen auf der Museumsmeile, im Haus der Geschichte. Selbst im Kanzlerbungalow war ich schon. Aber so richtig in der Bonner Innenstadt war ich noch nie. Der Zufall wollte nun, dass wir nicht in unserer Wohnung übernachten konnten, und Köln wegen einer Messe ausgebucht war. Also haben wir einen Nachmittag und eine Nacht in der ehemaligen Bundeshauptstadt verbracht.

Begonnen hat unser Trip im Kaffeehaus Kleinmann. In Grün gehalten und mit wiederkehrenden Rauten auf den Sitzbezügen, auf dem Geschirr und in den braun-gläsernen Lampen, ist es so retro, dass es schon wieder stylisch ist. Das Publikum ist jenseits der 50, nur in einer Ecke sitzen Studenten, die mit ihren Handys beschäftigt sind und ein jüngeres, japanisches Pärchen trinkt still Kaffee. Zwei grauhaarige Frauen am Nebentisch unterhalten sich darüber, dass man mal einen Ausflug nach Köln machen müsste:“Die Bundesbahn fährt täglich mehrmals von Gleis 1″, sagt die eine. „20 Minuten ist man unterwegs, und landet direkt am Dom, in der Hohe Straße und der Schildergasse“.

Nach meinem Bummel durch die Bonner Innenstadt weiß ich allerdings nicht, warum man in die Kölner Fußgängerzone möchte, denn vor Ort gibt es auch alle Ketten und Marken, die die Domstadt zu bieten hat. Nicht, dass das besonders reizvoll wäre, aber es ist sicher für jeden etwas dabei. Vor dem Bonner Rathaus mit seiner Freitreppe steht heute der Show-Express. Die Bonner Ehrengarde in rot-weiß verkauft Kölsch aus einem Zelt heraus, während sich Karnevalsbands auf der Bühne das Mikro übergeben und vom Rheinland und der fünften Jahreszeit singen. Am Geländer des Rathauses hängt eine menschengroße Gummipuppe, der aber die Luft ausgegangen ist, und den Kopf scheint sie auch verloren zu haben. Erstaunlicherweise haben die Abfallentsorger, die den ganzen Tag in der Stadt unterwegs sind, sie noch nicht abgemacht, als wir am Nachmittag vorbeigehen.

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Alle Bilder sind mit der App Lens Flare bearbeitet worden.

Um die Ecke des Marktplatzes mit dem Rathaus ist das Beethovenhaus. Samstags soll es bis 18.30 geöffnet sein, doch als wir um 16.30 Eintrittskarten kaufen wollen, weist uns die Dame am Eingang darauf hin, dass man nur noch 30 Minuten geöffnet habe. Dann also keine Kultur. Stattdessen gehen wir nebenan in die Namen-Jesu-Kirche. Dort überwiegen die Farben blau und gold. An den Säulen sind Namenstäfelchen angebracht, zu ihren Füßen stehen frische Blumen in allen Farben des Frühlings in Vasen. Ein Schild weist darauf hin, dass Topfpflanzen verboten sind, da die sich bildenden Moose die alten Holzbänke beschädigen könnten. Ein Mann mit einem Schild am Jackettkragen erklärt mir, dass unter der Kirche ein Urnenfriedhof sei. An den Säulen sehe man, wer wo seine letzte Ruhe gefunden habe, und für die dort Bestatteten seien die Blumen der Angehörigen. Auch Trauerkerzen kann man anzünden. Sie sind schlank und weiß, man steckt sie in Kübel, die mit Sand gefüllt sind. Der Mann fährt mit den Fingern hindurch und holt glimmende Wachsreste heraus. Dabei hinterlässt er Muster im Sand, die an die Zen-Kunst eines japanischen Gartens erinnern.

Richtung Hauptbahnhof kommt eine Demonstration an uns vorbei: Punks, ein mann, der ungesund weiß geschminkt ist, seine Augen sind schwarz umrandet, alle ungefähr Anfang 20. Sie sind begleitet von lauten, elektronischen Tönen aus großen Boxen, am Ende fährt ein Polizeiauto. In einer Straße sehen wir große gelbe Bären an einem Haus. Es ist ein Haribo Laden mit einer langen Schlange an der Kasse. Im oberen Stock ist eine Galerie mit großformatigen Fotos. Die Hauptmotive dort stammen aus der Unternehmensproduktion, sind aber aus ihrem Zusammenhang gerissen. So zieren beispielsweise die Haribo-Doppelkirschen ein Cocktailglas, Lakritzschnecken werden zur Sonnenbrille. Im Shop gibt es Produkte, die man in der Regel nicht im Supermarkt findet: zum Beispiel Ingwer-Zitrone-Drops und Menthol-Stückchen für Erkältungsgeschädigte.

Zum Abendessen kehren wir bei einem Mexikaner in der Fußgängerzone ein. Er ist voll, er ist billig, die Portionen riesig – und erstaunlich gut. Danach gehen wir in unserem Hotel, dem Hilton, in die kleine Sauna, die wir gegen 21 Uhr für uns alleine haben. Im Anschluss haben wir in der hauseigenen Kennedy-Bar die Qual der Wahl: es gibt viele Cocktails, die Preise sind gehoben – und die Bedienung ist mit der Menge an Gästen überfordert. Das Hotelzimmer ist zur Straße bestens gegen Lärm isoliert, Richtung Flur allerdings kaum: Man hört jeden Schritt vorbeigehender Gäste. Oropax ist darum ratsam. Dafür versöhnt uns das Frühstück mit den kleinen Störungen der Nacht: gutes Brot, eine ordentliche Auswahl an Wurst und Käse, Gebäckstücke, Porridge, frisches Obst, Müsli, Kaffeespezialitäten. Gut gestärkt treten wir nach unserem Kurzurlaub die Rückreise nach Köln an. 20 Minuten braucht die Bahn, Gleis 1 fährt sie ab.

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