Abendspaziergang durch Mainz

Marktplatz
Marktplatz

Die Temperatur liegt nur knapp über null Grad. Es hat den ganzen Tag geregnet, die Straßen glänzen im Licht der Laternen. Es ist gar nicht so spät, doch es ist Winter und früh dunkel. Ich könnte den Abend im Hotel verbringen, dort ist es warm, und vielleicht käme ein interessanter Film im Fernsehen. Aber nachdem ich den ganzen Tag in einer Fortbildung gesessen habe, möchte ich mich bewegen. Außerdem finde ich, man sollte Geschäftsreisen immer mit einem kleinen touristischen Highlight verbinden.

Nun ist das für mich ausgerechnet in Mainz schwierig: Zwei Jahre habe ich hier gewohnt, viele Jahre war ich regelmäßig für einen Kunden in der rheinland-pfälzischen Hauptstadt. Ich kenne den Dom und die Museen – doch selbst wenn ich sie nicht kennen würde, wären sie um diese Zeit bereits geschlossen. Darum entscheide mich trotz des nasskalten Wetters für einen Spaziergang durch die Altstadt.

Blick über die Stadt

Von der Schillerstraße biege ich bei meinem Abendspaziergang in die Emmerich-Josef-Straße ein. Oben auf dem Hügel sind die Kupferbergterrassen. Die Häuser, die dort stehen, fand ich in meiner Studienzeit sehr ansprechend: Hier wohnten diejenigen, die es finanziell zu etwas gebracht hatten. Als ich heute durch die Anlage gehe, kommt sie mir eigentlich nur noch steril vor: Hinter wenigen Fenstern ist Licht, Menschen sind kaum unterwegs. Aber der Blick auf die Stadt ist nach wie vor schön. Ich gehe über die Matilden- Richtung Gaustraße: Gerade kommt eine Straßenbahn den Berg hoch. Es sieht aus, als ob sie rechts und links an die Häuser stoßen würde. Ich erinnere mich an die plötzliche Kurve, die die Bahn hier nimmt, und auch daran, dass ich diese Stelle früher besonders gerne mochte. Gegenüber auf dem Hügel ist die Kirche Sankt Stephan mit den blauen Chagall-Fenstern. Die würde ich gerne wieder einmal sehen, doch natürlich ist um diese Zeit auch die Kirche zu. Darum laufe ich weiter Richtung Zentrum, den Stefansberg hinab. Hier ist niemand unterwegs. Und auch unten, in der Altstadt, sind kaum Leute.

Ich gehe am Kirschgarten mit seinen alten, schrägen Häusern vorbei, am Dom, über den Markt und die Rathausbrücke und wieder zurück. Fast eine Stunde bin ich jetzt unterwegs, das sollte genügend Bewegung in der Winterluft sein. Also mache ich mich auf den Rückweg von meinem Abendspaziergang zum Intercityhotel, das natürlich gegenüber des Hauptbahnhofs liegt. Auf dem Weg über die Binger Straße komme ich an einem vietnamesischen Restaurant vorbei. Chen heißt es, und ich entschließe mich spontan für einen Besuch. Drei bis vier Mal muss ich dort „Pho Ga“ aussprechen, erst dann ist die Bedienung mit mir zufrieden und nimmt die Bestellung für die Nudelsuppe mit Hühnchen, die Sommerrollen und den Jasmintee auf. Erst vor einer Woche habe man aufgemacht, sagt mir der Mann, der in Hanoi geboren ist. Ich habe übrigens lange nicht so gut vietnamesisch gegessen wie im Chen: Koriander, Minze, Thai-Basilikum und Sprossen – alles super-frisch. Und sehr lecker. So habe ich meinen Abend in Mainz doch noch ganz gut verbracht.

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