Zeitreise durch Cöln

Köln früher
Köln früher

Der Mann dreht sich um sich selbst, taumelt, wankt vor und zurück auf der Kante der Kaimauer – wird er es schaffen? Ich halte den Atem kurz an, der Straßenbahnfahrer ruft ihm noch „Opjepass“ zu, also „Aufgepasst“ auf Hochdeutsch – doch der Mann fällt in den Rhein. Die Frau hinter mir in der Straßenbahn hat es auch gesehen, denn ich höre, wie sie „Oh!“ sagt. Doch wir sind schon vorbei, zu spät um zu helfen, viel zu spät, um es ganz genau zu sagen: Der Mann fiel nämlich bereits im Jahr 1909 oder 1910 ins Wasser.

Mit Virtual Reality auf Zeitreise durch Cöln

Trotzdem war ich live dabei, mitten in Köln, am Alter Markt. Dort saß ich auf meiner harten Holzbank im Nachbau des Finchen, der blassgelben Bahn mit den grünen Streifen, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts durch Köln fuhr. Den hier, mitten im Herzen der Stadt, bietet TimeRide seit September 2017 Zeitreisen an. Dazu bekommt jeder Besucher eine Virtual Reality (VR) Brille, die ihn komplett von der Außenwelt abschirmt. Damit das bei 33 Plätzen möglich ist, sind knapp zwei Kilometer Kabel verlegt worden. Dank des 360 Grad Rundblicks erlebt man die virtuelle Welt intensiv, verstärkt wird das Visuelle durch die Alltagstöne, die man während der Fahrt hört.

In 45 Minuten bekommen die Gäste einen lebhaften Eindruck davon, wie die Domstadt früher war. Da ist zunächst das Kaiserpanorama, bei dem man durch Löcher in der Wand sieht, wie Köln früher war und wie es heute an diesen Stellen ist: der Bahnhof, die Rheinpromenade, der Markt. Dann sieht man den Stadtplan von Cöln, damals wurde Köln noch mit C geschrieben. Ein Zeitreisenschaffner erklärt, welchen Weg wir gleich fahren werden: von der Markthalle, die ungefähr dort war, wo heute das Maritim ist, geht es stadteinwärts mit Blick Richtung Heumarkt, weiter entlang der Stapelhäuser, an der heutigen Philharmonie vorbei. Mit sechs Stundenkilometern werden wir fahren, nicht zu schnell also, aber auch nicht ganz langsam.

Die Zeitreise durch Cöln beginnt mit den Römern

Weiter geht’s ins Kinema. Die Bilderschau dort beginnt in der Jetztzeit und führt in schnellem Rückwärtsgang mit Originaldokumenten durch das zerbombte Köln weiter in die Vergangenheit. Wie immer, wenn ich sehe, wie zerbombt die Stadt war, stockt mir kurz der Atem. Die jüngeren Besucher, die diese Bilder noch nicht oft gesehen haben, stoßen überraschte Laute aus. Angekommen bei den Römern bewegen wir uns wieder vorwärts durch die Zeit: Die Reliquien der Heiligen drei Könige kommen in die Stadt, der Grundstein für den Dom wird gelegt, die Schlacht von Worringen und die Pest fordern viele Menschenleben.

Dann besteigen wir unser Finchen. Jeder Besucher hat seine eigene VR-Brille, die nach jeder Zeitreise übrigens desinfiziert wird. Seitlich und am Kopf schließt man Klettverschlüsse, damit die Brille nicht zu schwer wird. Ich drehe mich um: Hinter mir sitzt ein virtueller Mann seitlich auf der Bank, über mir sehe ich ab und zu einen Zeppelin, und rechts neben mir steht der computeranimierte Straßenbahnfahrer, der sich wundert, warum ein Gast, nämlich ich, bei ihm ganz Vorne mitfahren darf.

Geschichten und Geschichtchen gibt’s bei der Zeitreise durch Cöln

Jetzt geht die Fahrt los, ich spüre den Fahrtwind und nehme einen üblen Geruch war, zwei Frauen in langen schwarzen Röcken überqueren so knapp vor uns die Gleise, dass ich die Luft anhalte. Die Feuerwehr düst vorbei, am Straßenrand steht ein Jongleur. „Fortschritt erreicht jeden“, ruft der Straßenbahnfahrer einem Pferdekutscher zu. Wir fahren vorbei an Bäckereien, Kolonialwarenläden und Gasthäusern. Hier wird Milch mit einem von Ziegen gezogenen Wagen abgeliefert, vor uns steht ein brauner Wagen der Cöln-Aachener quer, und eine Prozession geht Richtung Dom. Wir biegen nochmals ab, erreichen das Ziel, ich bin ein bisschen traurig, dass ich zurück ins Jahr 2018 soll. „Köln war wunderschön“, sagt die Frau neben mir. „Es gab kaum Autos“, stellt eine andere fest. „Toll“, ist die Meinung einer Dritten. Das finde ich auch, obwohl ich damit gerechnet hatte, dass die virtuelle Welt schon heute noch realistischer aussieht.

Was Ihr noch über die Zeitreise durch Cöln wissen müsst

„Wer uns am Wochenende besuchen will, sollte sich im Internet ein Ticket vorbuchen, sagt Matthias Flierl, der bei TimeRide für die Kommunikation zuständig ist. „Den an Samstagen und Sonntagen sind wir ab dem frühen Nachmittag immer ausverkauft“. Die Zeitreise gibt es derzeit auf deutsch und auf englisch, sollte es einen Bedarf an anderen Sprachen geben, werde man sie künftig auch anbieten, so Flierl.

Vorbild für die nachgebaute Straßenbahn war das echte Finchen. „Wir hatten bei der Konzeption und Umsetzung Unterstützung vom Historischen Straßenbahnmuseum in Thielenbruch“, sagt der Kommunikationsmanager. Und damit das Ganze noch echter wird, gibt es Fahrtwind aus der Konserve und leichte Fahrgeräusche. „Neben jedem Sitz ist eine Haltestange“, so Flierl. Sie ist gedacht für Leute, denen bei Autofahrten oder im Flugzeug leicht schlecht wird. „Wer sich festhält, kommt besser mit der Situation zurecht“, so Matthias Flierl. Und überhaupt sei bisher nur sehr wenigen Besuchern übel geworden.

Interessant ist übrigens in diesem Zusammenhang, dass die virtuellen Zeitreisen bei der Generation 60+ auf besonders großes Interesse stoßen. Tatsächlich waren auch bei meiner Fahrt, zu der mich TimeRide eingeladen hatte, nur wenig junge Leute mit an Bord. Übrigens: TimeRide wird es möglicherweise bald auch in einer anderen Stadt geben. Wo, hat Matthias noch nicht verraten. Aber sobald ich es weiß, gebe ich es natürlich an Euch weiter.

Fazit zu meiner Zeitreise durch Cöln

Ich fand’s toll! Wenn ich nur einen Tag Zeit für Köln hätte, würde ich mir die Zeit für TimeRide wahrscheinlich nicht nehmen, bei einem Städtetrip von zwei Tagen ist die Zeitreise ein gutes Erlebnis. Davon abgesehen muss man gar nicht als Gast in unserer Domstadt sein: Auch für die Kölner ist die Reise durch den Beginn des vergangenen Jahrhunderts sehenswert.

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