Kölner Weihnachtscircus lässt Krisen für einige Stunden verblassen

Abrakadabra Simsalabim! Und schon hat Fumagalli den Handschuh unter dem Hut weggezaubert. Oder doch nicht? So oder so – er hat die Lachenden auf seiner Seite. Und das den ganzen Abend über bei der Premiere des 7. Kölner Weihnachtscircus. Das Team rund um Zirkusdirektor Ilja Smitt lässt mit Akrobatik, Witz, Farbenrausch und Balance die Zuschauenden für einige Stunden vergessen, dass außerhalb der Zeltwände eine Energie- und Klimakrise, hohe Inflation und der Krieg in der Ukraine die Realität sind. Und das, obwohl gerade der Krieg den Kölner Weihnachtscircus ganz direkt betrifft. Denn dort arbeiten Ukrainer*innen, Russ*innen und viele andere Nationalitäten Hand in Hand.

Lady in Red am Reifen, begleitet von Live Music: der 7. Kölner Weihnachtscircus
Lady in Red am Reifen, begleitet von Live Music: der 7. Kölner Weihnachtscircus

Hilfsprojekt für Zirkusschule in der Ukraine

„Wir sind eine große Familie“, sagte Smitt neulich bei einer Pressekonferenz. An ihr nahm auch der Ukrainer Georgii Kyrychenko teil. Er ist Leiter der EquiVokee-Clowns. Zu dritt gewannen sie gestern mit Seilspringen, Papierflugzeugen oder als Toreros die Sympathien des Publikums. Und Vorsicht: Sie binden gerne die Zuschauer*innen in ihre Show ein. Auch die, die nicht in den ersten Reihen sitzen. Kyrychenko hält Kontakt zur Zirkusschule in Kiew: „Der Unterricht geht dort trotz Stromausfällen und Luftangriffen weiter“, erzählt er bei der Pressekonferenz im November. „Wenn die Sirenen heulen, gehen die 400 bis 500 Schüler*innen in den Keller.“ Der Bedarf an Generatoren und Biotoiletten sei entsprechend groß.

Unterrichtet werden an der Schule Jugendliche ab 14 Jahren von etwa 50 Dozenten. „Wenn sie jetzt nicht weiterlernen können, ist das das Ende ihres Zirkustraums“, sagt Georgii. Und auch zumindest für die kommenden Jahre das Ende der ukrainischen Zirkuskultur. Darum will Ilja Smitt bis zu 50.000 Euro an die Zirkusschule spenden. „Von dort kommen viele gute Künstler*innen, auf die ich auch in der Zukunft angewiesen sein werde. Die Spende ist für mich auch eine Investition in die Zukunft“, sagte er bei der Pressekonferenz. Gemeinsam mit dem Blau-Gelben Kreuz und Life Cologne hat er darum das Hilfsprojekt Manege für die Freiheit gegründet, deren Schirmherrin Oberbürgermeisterin Henriette Reker ist. Wie wäre es, wenn auch du etwas spenden würdest? Besonders, wenn dir die Aufführung beim Kölner Weihnachtscircus gefallen hat?

Illusionist und Trampolinspinger beim Kölner Weihnachtscircus

Doch von den Sorgen und Nöten der Ukrainer*innen bekommt man in der Show nichts mit. Es wird stattdessen viel gelacht über die Clowns Fumagalli, die du vielleicht in den 1990er Jahren beim Circus Roncalli erlebt hast. Gianni und Daris Huesca sind dort schon einige Jahre nicht mehr unter Vertrag, dafür jetzt erstmals beim Kölner Weihnachtscircus. „Sie sind teuer“, sagte Smitt bei der Pressekonferenz. „Dafür bekommt man aber auch etwas geboten!“. Die Fumagallis wurden bereits mit einem silbernen und einem goldenen Clown beim Circus-Festival in Monta Carlo ausgezeichnet. „Derzeit sind sie vermutlich die besten Clowns weltweit“, sagt Smitt.

Mit dabei sind neben den Fumagallis und dem EquiVokee-Trio noch viele andere: Chuan-Ho Chu lässt seine Diabolos durch die Luft springen. Der Zauberer und Illusionist Alfredo Lorenzo lässt bei der Pressekonferenz vor meinen Augen seine Partnerin im Nichts verschwinden. Den Trick wiederholt er in der Manege. Und weder beim ersten, noch beim zweiten Mal komme ich hinter sein Geheimnis. „Wie macht er das?“, frage ich mich. Aber: „Ich musste vertraglich unterschreiben, dass ich das Geheimnis nicht lüfte“, sagte Circusproduzent Smitt bei der Pressekonferenz. Ich werde es also wohl nie erfahren.

Die Fußjongleurin Sofi Poppisperatti klemmt Bälle zwischen Fuß und Schienbein oder in die Kniekehlen und macht damit Handstand, die Lady in Red, Oksana Pylypchuk wirbelt in der Höhe zu rockigen Live-Musik-Klängen von Vladimir Mativychuk durch ihren Reifen, das Ballett tritt mal im Stewardessen-Kostüm mal in barock-anmutenden Abendroben auf.

Todesrad wirkt sehr gewagt

Meine Highlights sind Markus Köllner am Single Wheel und die Truppe Yakubovskii: Die sechs Künstler rund um den Olympiasieger Anton Yakubovskii lassen sich von einem Gerüst auf Trampoline fallen und federn wie von Gummiriemen gehalten wieder zurück. Sie springen auf dem Bauch liegend in die Luft, werden dort zu Superman oder machen eben einen Salto, bevor sie wieder auf dem Trampolin landen. Ich schaue wie hypnotisiert zu.

Markus Köllner moderiert die Show und ist gleichzeitig auf dem Single Wheel oder Todesrad unterwegs. Während dieses immer wieder von unten nach oben schwingt, geht und springt er im Rad – und kurze Zeit danach auch auf dem Rad. Wohlgemerkt auf Stelzen oder mit Sack über dem Kopf. Ich kann ehrlich gesagt gar nicht richtig zusehen, weil ich mir Sorgen darüber mache, dass er herunterfallen könnte. Das sieht schon sehr verwegen aus!

Der Kölner Weihnachtscircus trotzt den Weltkrisen

Trotz der farbenfrohen Show geht die Realität nicht spurlos am Kölner Weihnachtscircus vorbei. Aber: „Wir haben für den Notfall eigene Aggregate“, sagte Ilja Smitt mir bei einer Pressekonferenz. „Und außerdem haben wir fast komplett auf LED umgestellt. Energie ist also für den Weihnachtscircus kein großes Problem. Die Preise für die Karten musste Smitt trotzdem an die Situation anpassen: Ohne Ermäßigung gibt es die Tickets in diesem Jahr ab rund 25 Euro. „Das ist nur möglich, weil Kölnticket ein faires Angebot gemacht hat“, betonte er. Auch die zehn Partnertage standen auf der Kippe: An ihnen können zwei für den Preis von einem in den Circus gehen, und das in insgesamt 20 Shows. An den Partnertagen gibt es also quasi einen Rabatt von 50 Prozent. Um sie zu realisieren ist das Versicherungsunternehmen HUK-Coburg mit finanzieller Unterstützung eingesprungen.

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Trotz dieser Widrigkeiten rechnet Ilja Smitt in diesem Jahr mit 60.000, vielleicht sogar bis 70.000 Besucher*innen. „Das ist nicht unwahrscheinlich“, sagt er. „Denn wir haben jährlich mehr Gäste. Selbst im Corona-Jahr 2021, wo wir das Zelt nicht voll besetzen konnten, hatten wir mehr Besucher*innen als zuvor.“

Tipp: Der 7. Kölner Weihnachtscircus gastiert wieder unter der Zoobrücke an der Deutz-Mülheimer Straße, in der Nähe des Eingangs Nord der Kölnmesse. Dort kann man auch parken. Umweltfreundlicher und bequemer ist es jedoch, mit der KVB anzureisen. 

Der Artikel aus dem September 2022 wurde im November und Dezember 2022 aktualisiert.

Wer schreibt hier? Bettina Blass

Bettina Blaß ist Bloggerin, Buchautorin und Verbraucherjournalistin. Sie gibt Seminare und Workshops rund das Internet wie beispielsweise "Personal Branding" oder "Online publizieren". 2021 hat sie das Buch "Zu Fuß durch Köln" herausgebracht.

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