Zwei halbe Tage in Helsinki

Helsinki im Winter
Helsinki im Winter

Wenigstens regnet es nicht mehr. Und immerhin hat es ein Grad plus. Doch der kalte Wind geht durch. Durch die Hose und die lange Unterhose, durch die Daunenjacke, den Wollpulli und das langarmige Sweatshirt. Und irgendwie auch durch die Stiefel mit Lammfell. Es ist unser zweiter Tag in Helsinki. Knapp fünf Stunden bleiben uns noch, bis wir wieder an Boot der Tallink Silja Fähre müssen. Oder dürfen? Bei dem Wetter in Helsinki muss ich mich fast zwingen, mein Touristenpensum zu erledigen.

Meine Instagram-Geschichte zu Helsinki

Angekommen sind wir Samstagmorgen mit der Silja Serenade von Stockholm. Weil uns die Schlange am Fahrkartenautomaten zu lang war, sind wir zu Fuß Richtung Stadt gegangen, über den Marktplatz, vorbei am Esplanadi-Park immer weiter bis zu unserem Hotel Scandic Paasi Nähe dem Hakaniemi Platz. Dort beginnen wir nach dem Einchecken auch unser Programm: ein Spaziergang durch das Arbeiterviertel Kallio. Mir scheint es das wahre Helsinki zu sein: eine Kirche im Jugendstil, ein Eisfeld mit Hockeyspielern, eine von wenigen übriggebliebenen Saunen, die hier gar nichts Zweideutiges haben. Kaum Touristen. Und eine Ecke weiter dann die Straße mit Nacht Clubs, Bordellen, Massagesalons, die sich irgendwie in die Wohngegend einfügen und von Passanten offensichtlich nicht als störend wahrgenommen werden.

Ein finnischer Kollege meinte, er gehe samstags immer auf den Kauppatori Markt, um Fleischpiroggi, Lihapiirakka, zu essen. Darum führt uns unter nächster Weg dorthin, er ist gleichzeitig Startpunkt des zweiten Spaziergangs durch das historische Viertel. Vorbei am Wahrzeichen, dem weißen Dom mit den goldenen Sternen an der Dachkuppel, gehen wir los. Doch weil es den ganzen Tag immer wieder Tröpfchen fisselt, die ständig die Brillengläser bedecken und langsam auch durch die Daunendecken dringen, kürzen wir ab und machen Pause im Hotel. Es dauert gut zwei Stunden, bis mir wieder warm ist. Da müssen wir schon wieder los, denn wir haben im Restaurant Saaga einen Tisch bestellt und essen dort lappländische Spezialitäten, Rentier, Elch, einen hiesigen Fisch – und Cloudberrywein zum Abschluss.

Gesang in der Kirche

Am nächsten Morgen warte ich darauf, dass es hell wird, doch es ist Februar, und wir sind in Helsinki. Ich frage die Rezeptionistin, ob Winter hier immer so ist, und sie lacht, weil sie gerade gedacht hatte, es sei heute außergewöhnlich hell. So unterschiedlich ist die Wahrnehmung. Direkt nach dem Frühstück ziehen wir wieder los: Zur orthodoxen Kirche, der Uspenski-Kathedrale, die wir nicht besichtigen wollen und auch nicht besichtigen dürfen, denn es ist Gottesdienst. Mein Kollege meinte, wir sollten uns dort unter die Gläubigen mischen und den mehrstimmigen Gesängen lauschen, was tatsächlich entzückend ist. Dann spazieren wir weiter, vorbei an den Eisbrechern, entlang an einer Küste, vor der sich kleine und kleinste Inseln befinden, durch eine Wohngegen und eine Straße mit vielen Jugendstilhäusern mit ihren typischen Ornamenten und Verzierungen.

Im Anschluss gehen wir auf einen Designspaziergang, vorbei am Architektur- und Designmuseum sowie einigen Ateliers und steigen in die Straßenbahn. Wir haben uns für 13 Euro ein Zweitagesticket gekauft, das sich gerechnet hat. Jetzt fahren wir damit bis zur Temppeliaukion Kirche, an der die M2 vorbeifährt – ein weiterer Tipp des finnischen Kollegen. Diese Kirche ist in den Fels gehauen und die Deckenkonstruktion sieht wie Radspeichen aus. Dort läuft klassische Musik, und in den Bänken sitzend kann man die ungewöhnliche Architektur in Ruhe bestaunen. Dann reicht es uns: Es ist kalt, viel zu kalt, um so lange draußen zu sein. Wir fahren zum Hotel, holen das Gepäck, fahren zum Fährterminal. Schnell einen Kaffee und eine letzte Zimtschnecke, dann ist die Silja Symphonie, mit der wir zurück nach Stockholm fahren, zum Einsteigen bereit.

Erfahrung: wenig Tageslicht

Mein Fazit: Wahrscheinlich sollte man nach Helsinki im Sommer fahren, dann sind auch mehr Attraktionen und Museen geöffnet. Aber Sommer kann jeder. Ich wählte bewusst den Winter, auf der Suche nach Schneebergen und Eiszapfen. Dabei habe ich festgestellt, dass der Winter zumindest an diesem Wochenende nicht anders als bei uns war: grau in grau, gestreute Gehwege, zusammengeschobener Restschnee, Regen, kalt. Trotzdem bin ich froh Helsinki genau so erlebt zu haben. Denn eine echte Vorstellung davon, was es heißt, so wenig Tageslicht zu haben, hatte ich bisher nicht. Außerdem fand ich es sehr spannend zu sehen, dass Helsinki viel osteuropäischer, ja sogar schon russischer ist, als andere europäische Städte. Stockholm und Tallinn beispielsweise haben entzückende Altstädte mit engen Straßen. Helsinki hat breite Straßen mit mächtigen Steinhäusern. Eine für mich unerwartete Erfahrung.

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