Tagesausflug nach Guangzhou

Guangzhou: Blick vom Turm
Guangzhou: Blick vom Turm

Eigentlich ist es reiner Zufall, dass wir einen Tagesausflug nach Guangzhou gemacht haben. Denn die VISA-Agentur hat uns versehentlich ein Zwei-Einreise-Visum nach China besorgt. Das war dementsprechend teurer, und wir wollten das zweite Visum nicht verfallen lassen. Außerdem sind wir so lange in Hongkong, dass ein Tagesausflug zurück nach China noch drin war. Hätten wir das Doppel-Visum nicht gehabt, hätten wir übrigens eines am Bahnhof Hung Hom bekommen können.

Um von Hongkong nach China zu kommen, reist man am Bahnhof aus, besteigt den gebuchten Zug, fährt ans Ziel – in unserem Fall Guangzhou – und reist dort wieder ein. Bei dieser Einreise hatten wir einen Monitor vor uns, der aus dem Reisepass Namen sowie Pass- und Visumnummer ausliest und so anzeigt, dass die Leute im vorderen Teil der Warteschlange diese Informationen auch sehen können. Tschüss, Datenschutz! Auf eine Handbewegung des Einreisebeamten muss man in die Kamera schauen, dann werden Passbild und Original abgeglichen, und man darf einreisen.

In Guangzhou wurden wir erfreulicherweise regelrecht mit Möglichkeiten überfallen, eine chinesische SIM-Karte zu kaufen. In Beijing und Quingdao war das leider nicht so, in Shanghai auch nicht, aber dort hätte man sie in vielen kleinen Büdchen kaufen können. Guangzhou ist übrigens eine Stadt mit zwölf Millionen Einwohnern und viel Industrie, die mit dem Westen in Verbindung steht. Darum soll man dort angeblich gut auf englischsprechende Besucher vorbereitet sein. Davon merken wir jedoch nichts, als wir eine Tageskarte für die U-Bahn kaufen wollen: Obwohl auf einem Schild neben dem Verkaufshäuschen in Englisch beschrieben steht, dass es diese Karte gibt, wie sie funktioniert und was sie kostet, verstehen uns zwei Kartenverkäufer auch nach mehreren Versuchen nicht. Der zweite ist jedoch clever genug, irgendwann ein Bündel Karten in die Höhe zu halten, so dass wir nicken und bezahlen können.

Sehenswürdigkeiten in Guangzhou
Unsere erste Fahrt führt zum Canton Turm, dem zweithöchsten Fernsehturm der Welt. Die Eintrittskarten können nicht mit der Kreditkarte bezahlt werden, chinesische Yuan in bar sind also notwendig. Die Fahrt nach oben ist mit fast 30 Euro sehr teuer, der Blick aber toll. Von dort wollen wir mit der Bahn in die historische Enning Road. Die Abstände zwischen den U-Bahnstationen entsprechen denen zwischen S-Bahnstationen in Deutschland. Wir sind gut 20 Minuten unterwegs, und ich bemerke wieder, dass man die Entfernungen in China nicht unterschätzen darf. Am Ziel ist die Straße nicht ausgeschrieben. Ich spreche eine Frau auf Englisch an, sie winkt nur ab. Ein Pärchen schaut zumindest auf die chinesischen Zeichen im Lonely Planet E-Book und weist uns den Weg irgendwo nach rechts hinten. Auf dem Stadtplan im Lonely Planet sind nicht alle Straßen verzeichnet, doch die Richtung scheint zu stimmen, und wir gehen los. Unterwegs schauen wir in Apples Karten nach, und sind wieder einmal froh, eine chinesische SIM-Karte im Handy zu haben.

Die Enning Road wird von grauen, niedrigen Steinhäusern gesäumt, viele haben bunte Glasscheiben. Das obere Stockwerk ist tiefer als das untere und ruht zur Straße hin auf Pfählen, so dass über dem Bürgersteig ein überdachter Durchgang entsteht. Der bietet uns Schatten, gleichzeitig tropft von oben Wasser aus der frischgewaschenen Wäsche auf uns herab. Ein alter Mann sitzt im Liegestuhl und fächelt sich Luft zu, ein anderer liegt auf einem Lastfahrrad und hat die Augen geschlossen. An der Ecke zur Baohua Road wird aus der ruhigen Straße eine Art Volksfest. Oder auch nur ein ganz normaler Sonntag in China, an dem sich rechts und links Menschenmassen an den Geschäften vorbei durch die Straßen drücken, während Autos wild hupend einen schmalen Streifen in der Mitte zum Fahren verteidigen.

Letztes Ziel ist die Chen Clan Ancestral Hall, ein Komplex aus 19 Steinhäusern mit zweigeschossigen geschnitzten Holztüren und Dächern, die mit Drachen und Menschen verziert sind. Schöner kann China kaum sein. Dann schnell wieder hinab in die U-Bahn, um pünktlich eine Stunde vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof zu sein. Sicherheitskontrolle am Eingang, Ticketkontrolle, Fieberkontrolle, Ausreise aus China, Zoll, Sicherheitskontrolle, Ticketkontrolle – wir sitzen im Zug zurück nach Hongkong. Ein anstrengender Tag. Aber er hat sich gelohnt.

6 Kommentare auch kommentieren

  1. Felix sagt:

    Hallo Frau Blass.

    Vielen Dank für den Interessanten Bericht. Ich überlege derzeit ob ich auf meiner Rückreise von Bali aus Guangzhou kurz mal besuche, es gäbe ein gutes Angebot mit 17h Aufenthalt in der Stadt. Ich bin mir aber noch Unschlüssig ob sich dass von der Zeit her lohnt, da wir ja erst mal vom Flughafen in die Stadt und wieder rechtzeitig zurück sein müssten.

    Und nach einem Monat Rundreise auf Bali könnte das ein bisschen zu viel des guten sein.

    Was würden Sie raten? Lohnt es sich und ist es realistisch machbar genug zu sehen und wieder rechtzeitig zurück zu sein?

    MfG

    1. BettinaBlass sagt:

      Hallo Felix,
      das ist nicht einfach zu beantworten. Warst du schon einmal in China? Dann kann Guangzhou nett sein, um die Erinnerungen aufzufrischen, denn es ist sehr authentisch. Warst du noch nie da, würde ich es sein lassen: Es sprechen noch weniger Leute Englisch als in anderen Städten und es ist wirklich sehr authentisch. Der Kulturschock könnte hoch sein. Braucht man das nach vier Wochen Bali? Hinzu kommt: ich habe immer die Entfernungen unterschätzt. Und in Guangzhou sind sie enorm – speziell zwischen den beiden Hauptattraktionen Turm und Ahnenhäuser. Dafür alleine musst du viel Zeit einplanen. Möglicherweise gibt es bei beiden Attraktionen auch eine Warteschlange. Ich weiß auch nicht, wo der Flughafen ist: Liegt er weit draußen? Fährt eine Bahn in die Stadt? Wie lange fährt sie? Auf ein Taxi würde ich mich nicht verlassen, vor allem nicht bei weiten Strecken. Es kann immer Stau sein. Andererseits sind 17 Stunden lang. Sagen wir, du brauchst eine Stunde in die Stadt, fährst zuerst zu den Ahnenhäusern und berechnest dafür nochmals 30 Minuten. Dann stehst du 30 Minuten an, gehst eine Stunde hinein, fährst 30 Minuten zum Turm, stehst wieder 30 Minuten an, bist 30 Minuten oben und fährst etwa 1,5 Stunden zurück. Dann bist du erst bei sechs Stunden. Reicht locker …

      1. Felix sagt:

        Hallo Bettina.

        Danke für die schnelle Antwort. Nach genauerer Überlegung haben wir uns darauf geeinigt das es doch eher eine sehr schlechte idee war. Zu wenig Zeit, zu viel Umweg und vermutlich sind wir bis dahin schon sehr,sehr müde (Bali & Nachbarn wird eher eine Motorcross-Rundreise als wirklich Erholungsurlaub).

        Ich werde die Stadt trotzdem im Hinterkopf behalten, wird sich sicher mal etwas ergeben.

        Vielen Dank für den Rat also.

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