Papenburg: Von Torfstechern und Kreuzfahrtschiffen

Papenburg im Emsland

Holzbrücken bepflanzt mit dichten, roten Geranien, violette Blütenbüsche auf schlanken weißen Säulen am Ufer des Hauptkanals, schwimmende gelbe Blumeninseln: Im September 2019 ist die Innenstadt ein Paradies für Blumenfreunde. Um es ganz genau zu sagen: Ich habe noch nie so viele Blumen in einem Stadtzentrum gesehen wie im niedersächsischen Papenburg. Allerdings, so lerne ich, ist das hier nicht etwa Alltag: Die Blumenschau verhübscht das Städtchen nur über den Sommer.

In Papenburg sind überall Schiffe

Ich vermute aber, dass es hier auch ohne Blumen ganz schmuck ist. Denn Kanäle und Flüsschen wirken eben immer irgendwie wie Urlaub, es gibt viele Cafés und Restaurants, Geschäfte, keinen nennenswerten Leerstand und eine alte Mühle. Außerdem zieht sich durch den Stadtkern das Schifffahrts-Freilicht-Museum: Zwischen den Brücken für Fußgänger, die den Kanal überqueren, sieht man historische Nachbauten von Last- und Passagierschiffen. Spätestens jetzt bemerkt jeder, dass Papenburg schon ganz schön maritim ist, obwohl es bis zur Küste noch gut 40 Kilometer sind. Trotz der Entfernung zum offenen Meer werden in Papenburg Kreuzfahrtschiffe gebaut, und zwar in der Meyer Werft – und das seit Generationen. Wahrscheinlich kennen viele Menschen Papenburg nur wegen dieser Werft: immerhin 250.000 Besucher kommen im Jahr hierher, um sich anzusehen, wie bei Meyers Kreuzfahrtschiffe gebaut werden. Die Stadt selbst hat wohlgemerkt gerade einmal 37.600 Einwohner. 

Die Werft wurde 1795 gegründet und ist bis heute ein Familienunternehmen. Damals war sie aber längst nicht die einzige Werft in der Stadt, es gab ursprünglich etwa 23. Während des zweiten Weltkriegs waren die Inhaber der Meyer Werft übrigens verpflichtet, U-Boot-Sucher zu bauen. Gegen Ende dieser Zeit war die Werft vollständig zerstört, wurde aber wieder aufgebaut. 1974 musste eine neue Werft gebaut werden, weil die alte Infrastruktur nicht mehr ausreichte für die gewünschte Breite von Gastankern, die nach Russland geliefert werden sollten. In der Alten Werft ist jetzt ein Kulturzentrum und ein Hotel. Die Meyer Werft hat auch in Rostock und im finnischen Turku Werften.

Papenburg: Kreuzfahrtschiffbau ist wie Lego oder Tetris

3500 Mitarbeiter bauen hier Kreuzfahrtschiffe beispielsweise für Norwegian Cruise, Disney oder die Aida. Bis ein solches Schiff fertig ist, dauert es gut eineinhalb bis zwei Jahre. Je nach Ausstattung liegen die Kosten natürlich unterschiedlich hoch. Mit 800 Millionen muss man aber pi mal Daumen schon rechnen, erfahre ich bei einer Führung im Rahmen eines Social Media Walks von Mein Niedersachsen, Papenburg Marketing und About Cities durch Papenburg. Weil solch ein Schiff in mehreren Produktionsschritten gebaut wird, können die Mitarbeiter zeitgleich an fünf Schiffen arbeiten. Sie werden in so genannten Blöcke gefertigt, das können mehrere Kabinen sein oder beispielsweise der Maschinenraum. Diese Blöcke werden ähnlich wie Legosteine zusammengesetzt, erklärt man uns bei der Tour durch die Werft. Ein Schiff besteht aus etwa 90 Blöcken.

Bis 2023 sollen zwölf weitere Kreuzfahrtschiffe die Werft verlassen. Das alles erfahren die Besucher an multimedialen Stationen im Besucherzentrum durch Videos, durch Erzählungen der Gästeführer und durch einen Blick in die Hallen, in denen Schiffsteile zusammengesetzt werden: die 504 Meter lange Halle 6 ist übrigens die längste überdachte Baudockhalle der Welt. Ganz oben an der Decke ist der Kran Kaiseradler, der bis zu 800 Tonnen tragen kann.

Klimafreundlichere Kreuzfahrtschiffe made in Papenburg

Was mich besonders beeindruckt: Die Kabinen werden bis auf den Boden komplett fertig geliefert: Die Bilder hängen schon an der Wand, Lampen sind angebracht, befestigte Möbel enthalten. Diese Fertigkabinen wiederum sollen im 15 Minuten-Takt beim Zuliefererunternehmen in der Nachbarschaft produziert werden. Davon abgesehen hat die Debatte um den Klimawandel auch längst die Fertigung von Kreuzfahrtschiffen erreicht: Die mit Flüssiggas (LNG) betriebene Aida Nova wurde in Papenburg produziert, das Schwesternschiff, das 2021 in See stechen soll, wird sogar Brennstoffzellen haben. Sie sollen dabei helfen, im Hotelbetrieb oder der Unterhaltungselektronik Energie zu sparen. Andere Reedereien wie Costa, P&O und Carnival Cruise Line sollen ebenfalls Schiffe mit alternativem Antrieb in Auftrag gegeben haben. Der Naturschutz Bund Deutschland hat übrigens ein Ranking umweltfreundlicher Kreuzfahrtschiffe im Netz. Und wer seine Kreuzfahrt zusätzlich kompensieren will, kann das zum Beispiel bei Atmosfair machen. Übrigens ist Umweltschutz auch für die Meyer Werft selbst ein Thema: Dort findet man beispielsweise einige begrünte Dächer. Außerdem fahren die Radlader mit Gas.

Dinge, die die Welt (nicht) braucht: Bei der ganzen Diskussion um Kreuzfahrtschiffe darf man eines nicht vergessen: Die Meyer Werft produziert, was ihre Kunden, also die Reedereien in Auftrag geben. Deren Ziel wiederum ist es, die Wünsche der Kunden zu erfüllen. Schließlich verdienen Sie ihr Geld mit derer Zufriedenheit. Vielleicht bin ich die falsche Zielgruppe dafür, aber ich brauche keinen Windkanal auf einem Kreuzfahrtschiff, keine Autoscooterbahn und auch keine Wasserrutschen. Und was ich überhaupt niemals haben möchte, ist eine Kabine mit einem virtuellen Balkon. Dabei wird auf eine Leinwand in Größe und Form einer Balkontür die Sicht der Außenkameras in Echtzeit gestreamt. Heißt: Obwohl ich in meiner Innenkabine bin, habe ich einen virtuellen Blick nach draußen. Ganz ehrlich: Dafür muss ich keine vierstellige Summe ausgeben. Da könnte ich mich besser mit VR-Brille und einem Glas Rotwein zuhause aufs Sofa setzen. Grundsätzlich gilt übrigens: Auf europäischen Schiffen sind Angebote rund ums Essen wichtiger, auf den US-amerikanischen liegt der Fokus auf Entertainment.

Zahlen, Daten, Fakten rund um den Kreuzfahrtschiffsbau in Papenburg

  • Auf der Aida Luna wurden 250 Kilometer Rohrleitungen verlegt. Das entspricht der Entfernung von Köln nach Papenburg.
  • So ein Kreuzfahrtschiff kann Schweißnähte in der Länge von 850 Kilometern haben. Das ist länger als die Entfernung von München nach Hamburg.
  • In den Kreuzfahrtschiffen sind Kläranlagen, Müllverbrennungs- und Wasseraufbereitungsanlagen, die aus Salzwasser Süßwasser machen.
  • Schiffe, die europäische Häfen anlegen wollen, brauchen einen so genannten Scrubber, einen Katalysator.
  • Die neuen Aida-Schiffe haben keinen spitzen Bug mehr. Denn am meisten Energie spart, wer langsam fährt. Und wer langsam fährt, ist mit einem geraden Bug gut bedient, weil dann die Wasserverdrängung eine andere ist als mit spitzem Bug.

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Hafenrundfahrt in Papenburg

Bei einer Hafenrundfahrt in Papenburg erfahre ich noch mehr rund um das Thema Kreuzfahrt:  zum Beispiel dass etwa 350.000 Liter Farbe gebraucht werden, um ein Schiff anzustreichen, 100.000 Lampen oder fünf bis sechs Hektar Teppichboden. Das entspricht in etwa einem Drittel der Größe des Blücher Parks in Köln.

Auch wenn der Einsruck leicht entsteht: Die Meyer Werft ist nicht der einzige Arbeitgeber in Papenburg. Bei einer Hafenrundfahrt am Sonntagvormittag sieht man noch einige Firmen mehr: Hier gibt es ein Biomassekraftwerk, ein Hotelboot für Monteure, eine Firma, die aus alten Möbeln, Brettern und Holz Holzhackschnitzel macht, die in Skandinavien weiterverarbeitet werden, es gibt Lagerhallen, einen Produzenten von Schiffsbademöbeln oder eine Firma, die Kunststoffabfälle recycelt.

Spaziergang durch die Geschichte Papenburgs

Lange bevor die Meyer Werft gebaut wurde, hat man in Papenburg sein Geld übrigens als Torfstecher verdient. Die Torfstücke mussten gestochen und getrocknet und schließlich auf Schiffen in die Stadt gezogen werden. Diese Arbeit übernahmen ganz zu Beginn Menschen. 15.000 Torfstücke wurden so pro Jahr gefertigt. Die ersten Siedler ließen sich ungefähr ab den 1630er Jahren hier nieder – und lebten unter ärmsten Bedingungen. Viel mehr als ein Dach über dem Kopf hatten sie nicht. Dazu Lehmboden und vielleicht ein Möbelstück. Das alles kann man sich in der Von Velen Anlage ansehen. Und auch, wie sich das Leben nach und nach verbesserte: Spätere Siedler wohnten schon deutlich komfortabler mit Betten, Schränken, Herd und Geschirr.

Laufen in Papenburg

Die Stadt in Niedersachen liegt so, dass man theoretisch viel Grün erleben sollte. Schon der Stadtpark ist eine Augenweide und bestens geeignet für einen Lauf. Wir haben uns trotzdem für die industrielle Variante des Sonntagslaufs entschieden. Wer das mag, sollte ihr ruhig folgen. Wer lieber Grün um sich hat, sollte die Strecke meiden.

Übernachten und Essen in Papenburg

In der Alten Werft

Wir haben uns im Hotel Alte Werft in Papenburg einquartiert und hatten ein riesiges Zimmer. Das Hotel liegt nur etwa fünf Minuten vom Bahnhof entfernt. Unser Zimmer war ein bisschen in die Jahre gekommen, aber sehr sauber. Was mich aber nachts wahnsinnig gemacht hat, war die Hellhörigkeit des Hauses – vermutlich bedingt durch die offenen Geschosse. Ich bin nicht sicher, ob sich die Gäste bewusst waren, dass ihr Lachen und ihre Gespräche hervorragend übertragen wurden. Mein Tipp: Ohropax. Dringend. 

Das Frühstück ist so, wie ein Hotelfrühstück üblicherweise ist. Am ungewöhnlichsten war der Erdbeersaft. Was aber richtig toll ist: Der Speisesaal ist in einer alten Produktionshalle, deren Dachträger und Fenster übernommen worden sind. Wir haben auch an einem Abend hier gegessen: Nordische Tapas mit Schwarzbrot und Forellencreme sowie Krabben. Meine Hauptspeise: Labskaus – eine wilde Mischung aus roter Beete, Rind, Spiegelei, Matjes und eingelegten Gurken. Und eine riesige Portion Rote Grütze mit Vanilleeis.

Dat Arkadenhuus am Rathaus

Ein günstiges Glas Cremant hatte ich abends auf der Terrasse des Seasons am Hauptkanal. Außerdem gibt es noch Dat Arkadenhuus, eine Begegnungsstätte mit Hotel, Café und Shop. Inneneinrichtung: stylish. Wir hatten die Wahl zwischen Burger mit Pulled Beef, Chicken Terriaky oder Lachs sowie zwischen vegetarischen und veganen Burgern. Es gab außerdem eine Limonade mit dem Geschmack Kaktusfeige – mir persönlich zu süß. Außerdem schmeckte sie für. mich eher nach Schwarztee, denn nach Kaktusfeige. Lecker war sie trotzdem. Gut gebrannt hat der Ostfriesenwhiskey. Stilecht hätte man den Whiskey mit einem Tropfen Wasser trinken müssen, damit der Geschmack richtig zur Geltung kommen kann. Grandios ist das Eis von Giovanni L: unter anderem Salzlakritz. Das allerdings muss man auch mögen. Dat Arkadenhuus hat übrigens den Vorplatz der daneben liegenden Kirche finanziert. Das führt dazu, dass dort quasi mit Gottes Segen auch ein Bierfest stattfinden darf.

Als Journalistin halte ich mich an den Pressekodex des Presserats. Ich war von Mein Niedersachsen, Papenburg Marketing und About Cities zum Social Media Walk eingeladen. Sie haben die Zugkosten für mich von Köln nach Papenburg übernommen, die Eintrittsgebühren für meinen Mann und mich und das Mittag- sowie Abendessen. Die Kosten für das Hotel und das Abendessen am Vortag haben wir selbst getragen.

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