Kakuma: Besuch im Nordwesten Kenias

Turkana Region aus dem Flugzeug
Turkana Region aus dem Flugzeug

Sagt man in Nairobi dem Taxifahrer, dem Hotelrezeptionisten oder dem Kellner im Café, dass man nicht im Land ist, um Safari zu machen, sondern auf dem Weg nach Kakuma ist, dann frieren die Mienen häufig ein. Denn Kakuma ist unweigerlich mit dem Flüchtlingslager dort verbunden. Oder anders gesagt: Ohne die derzeit etwa 250.000 Flüchtlinge aus Somalia, dem Südsudan, der Republik Kongo oder anderen afrikanischen Ländern, gäbe es den Ort Kakuma wahrscheinlich eher nicht. Hier, im Turkana County, leben die Einheimischen, wahre Riesen mit langen Beinen und Armen, sehr dünn, oft mit vielen Perlenketten um den Hals, in der Regel in runden Hütten, gemacht aus Holz, Blättern und Gräsern. Nicht mehr als ein minimaler Schutz vor der Außenwelt, aber möglicherweise die beste Bauweise für die Wüste: Über 30 Grad Celsius sind hier der Regelfall.

Seit Anfang der 1990er Jahre das Kakuma Refugee Camp gebaut wurde, hat sich jedoch einiges verändert: Nicht nur, dass immer mehr und mehr Menschen vor dem Terror in ihren Ländern, vor Krieg, Tod und Vernichtung hierher fliehen. Auch jede Menge Entwicklungshilfeorganisationen und Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) sind hier aktiv. Außerdem leben einige Geflüchtete schon so lange hier, dass sie sich nach und nach eine Existenz aufbauen konnten: als Mofafahrer bieten sie eine Transportmöglichkeit an, es gibt einen Schuhmacher, einen Bäcker oder sogar einige Foto-Studios. Touristen findet man trotzdem eher wenige. Das liegt erstens daran, dass man Kakuma nur mit einem UN-Flugzeug erreicht, oder man die Fahrt im Dayah-Express-Bus von Lodwar kommend auf sich nimmt. Die Strecke ist 120 Kilometer lang, ein normales Auto braucht dafür etwa drei Stunden, ein Bus deutlich länger. Nachts werden öfter Reisende überfallen und ausgeraubt, bei einem Überfall im Herbst dieses Jahres soll sogar ein Mann getötet worden sein, höre ich von unterschiedlichen Seiten. Zweitens ist die touristische Infrastruktur nicht einladend: Die Hotels beispielsweise im äthiopischen Markt sind sehr einfach, es gibt häufig nachts Ausgangssperren, die Zahl der Cafés oder Restaurants ist sehr überschaubar. Das Auswärtige Amt rät derzeit vom Besuch Kakumas ab.

Warum ich trotzdem in Kakuma war

Mich hatte es trotzdem an diesen Ort verschlagen, bereits das zweite Mal in diesem Jahr. Nicht, weil ich ihn schön oder besuchenswert fände, sondern weil ein Kunde mich dort als Trainerin für einen Workshop eingesetzt hat. In diesem Zusammenhang habe ich mich mit vielen jungen Menschen unterhalten, die aus ihrer Heimat geflohen sind, viele wissen nicht, ob ihre Familie noch lebt, und trotzdem wollen viele zurück. Irgendwann. Wenn es dort vielleicht wieder einmal friedlich sein sollte.

Mit den Workshopteilnehmern besuchte ich zwei Existenzgründer am äthiopischen Markt: Einer hat sich dort mit einem Fotostudio selbstständig gemacht, nachdem er eine Ausbildung bei einer NGO abgeschlossen hat. Jetzt fotografiert er frisch Verliebte oder Hochzeitspaare in seinem kleinen Studio. Gegenüber ist ein Kleiderladen: Eine junge Frau verkaufte die Kleidung für Frauen zunächst, indem sie von Haus zu Haus zog und die Ware anbot. Als sie genug Geld zusammen hatte, hat sie sich einen Laden aufgebaut. Um die Ecke ist auch das Unity Hotel. Dort bekommt für wenige Cent einen dreilagigen äthiopischen Kaffee mit viel Milch und Zucker. Hier sitzen immer viele Männer, die Sportsendungen oder Nachrichten anschauen. Weibliche Besucher mit heller Haut sind eine Seltenheit, wir werden von zwei NGO-Mitarbeitern begleitet. Auf dem angrenzenden LWF-Gelände gibt es übrigens ein weiteres Café, in dem man auch das ostafrikanische Tusker-Bier bekommt, Stoney Tangawizi Limonade oder Samosas. Am Nebeneingang des Geländes gibt es außerdem innerhalb ein kleines Café und direkt vor dem Tor die Bull Eye Bar.

Fußball und Radio

Im Laufe der Workshopwoche sprachen wir auch mit einem Fußballspieler des FC Freedom: Er war Ersatzspieler bei einem Qualifizierungsspiel bei den hiesigen Meisterschaften. 32 Teams spielen hier um den Titel, organisiert wird die Veranstaltung von mehreren Organisationen, um die jungen Männer beschäftigt zu halten. So will man vermeiden, dass sie kriminell werden oder beginnen, Drogen zu nehmen. Fußball ist generell ein großes Thema in Kakuma: Solange es hell ist, sieht man an vielen Stellen Spieler, Spiele und viele Zuschauer.

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Außerdem besuchen wir die Radiostation Ata-Nayeche, finanziert von der japanischen Regierung: Zwei Räume in einem Blechcontainer, das schallisolierte Studio ist dunkel und drückend heiß. Die Software würde übrigens wochenlang weiter spielen, selbst wenn kein Moderator in diesem Kämmerlein säße, erklärt man uns.

Auf der Hauptstraße

Wer in eines der Lager will, ist länger unterwegs. Die Menschen leben hier in Häusern aus selbstgebrannten Ziegelsteinen mit Wellblechdach, manche haben zu Beginn auch nur Kunststofffolien als Wände. Wer ganz neu ankommt, und nicht registriert ist, lebt oft unter an Bäumen aufgespannten Plastiktüten oder Moskitonetzen, häufig an Stellen, die bei einem der sehr seltenen Regentage schnell überflutet werden.

Das ist kein Wunder, denn die ausgetrocknete Erde nimmt das Wasser kaum auf, geteerte Straßen gibt es kaum, nur die Hauptstraße Richtung Lodwar, was etwas südlicher liegt, ist zu Beginn noch geteert. Rechts und links von ihr stehen bunt angemalte Häuser mit vielem, was man fürs Leben so braucht: Hier kann man gegen Geld sein Handy laden, Guthabenkarten kaufen, Plastiktassen, kühle Getränke oder Mangos und Bananen. An dieser Straße hält auch der Dayah-Express-Bus. Einige Busse sehen nicht so aus, als ob sie jemals ihr Ziel erreichen würden, doch es steigen Menschen ein und aus: Wer längere Strecken zurücklegen will, hat hier nicht viele Alternativen.

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