Am Ballermann

Sonnenuntergang am Ballermann
Sonnenuntergang am Ballermann

Gut eine Stunde geht man vom Balneario 15 bis zum Balneario 5. Balneario, das heißt eigentlich Bade- oder Kurort. In Deutschland ist dieser Teil Mallorcas besser bekannt als Ballermann. Die Zahlen hinter Balneario bezeichnen Strandabschnitte, und an jedem Abschnitt gibt es ein kleines Häuschen mit Gastronomie. Wir sind hier, weil unser Hotel in Flughafennähe hinterm Balneario 15 liegt. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf den Sonnenuntergang, der sich von gelb langsam zu pink wandelt, die Hotels, die Segelmasten und die fest installierten Sonnenschirme als schwarze Silhouetten wie ein Scherenschnitt.

An der Uferpromenade gehen wir entlang ins Epizentrum des Wahnsinns. Zu meiner Freude gibt es einige, wenn auch wenige Restaurants, Bars und Cafés, die hell und freundlich aussehen und angenehm ruhige Musik spielen. Das Publikum ist hier und selbst in den Partystraßen erstaunlich alt. Wollte ich jemanden kennenlernen, müsste ich mindestens zehn Jahre drauf legen, aber das mag auch mit der Jahreszeit zusammenhängen. Ganz schrecklich finde ich einige Etablissments mit Alleinunterhaltern, aber sie passen eventuell ganz gut zum Durchschnittsalter der Flaneure.

Dann kommt die Bierstraße, links ein Treff für Kölner und solche, die es gerne wären. Rechts um die Ecke lockt eine zu warm angezogene, unscheinbare Frau mit piepsiger Stimme:“Die besten Cocktails gibt es hier!“ Ich hoffe, sie wird nicht pro geworbenem Gast bezahlt. Ein Muskelpaket will uns das XII Aposteln schmackhaft machen. „Danke, kenne ich“, sage ich. „Wir haben davon zwei in Köln.“ – „Köln, ahso“, sagt er. Und weil er nicht weiß, was er noch sagen soll, sagt er:“Schaut halt mal rein!“. Wir gehen weiter, die nächste Straße links ist die Schinkenstraße, ein lebendiger Albtraum. Da stehen 50-, 60-Jährige, die Frauen mit leuchtenden lila Krönchen im dunkel gefärbten Haar, die Männer in jugendlicher Kleidung. „Streckt die Hände zum Himmel, kommt lasst uns fröhlich sein!“ Was hier geboten wird, wirkt angestrengt, es muss gefeiert werden, Amüsement ist Pflicht. Und irgendwie habe ich das Gefühl, die meisten der Feiernden finden Karneval in Köln doof, doch auf Mallorca, da lassen sie alle Hemmungen fallen, feiern mit Deutschen bei deutschem Bier und Liedgut. Möglicherweise sind das diejenigen, die in Deutschland fordern, Immigranten müssten sich besser integrieren.

Ein junger Mann in Lederhose ruft uns zu, der Megapark sei bereits geöffnet, dort sollten wir hingehen. Davor gebe es Bier für einen Euro und den Schnaps kostenlos dazu. Als wir dort ankommen, bebt die Tanzfläche unter den Hunderten von Besuchern, viele im Dirndl, denn man feiert Oktoberfest. Das Oberbayern um die Ecke mag das vielleicht nicht so gern, denn dort versucht man vergeblich, aber vehement, Menschen ins Kellergeschoss zu locken. Wir gehen an der Strandpromenade zurück. Unter jedem W-LAN-Pfeiler drängeln sich die Silver Surfer mit ihren Smartphones, checken Mails, telefonieren mit zuhause und aktualisieren ihren Facebookstatus – es ist kompliziert nach einer Nacht am Balneario 5. Vermutlich regen sie sich in Deutschland über die Jüngeren auf, die angeblich das Smartphone nicht mehr aus der Hand legen.

An einem Straßencafé heult eine Frau mit den Händen vorm Gesicht Rotz und Wasser, der Mann knurrt sie an:“Wir gehen jetzt ach Hause!“. Zum etwa zehnten Mal in eineinhalb Stunden fährt eine Polizeistreife vorbei. Und ich frage mich, wie man diese bizarre Welt als Urlaub empfinden kann. Für mich ist das nichts. Nicht, dass ich das nicht schon vorher gewusst hätte. Aber besser ist, man setzt sich mit Dingen auseinander, bevor man eine Meinung dazu hat. Hab‘ ich hiermit getan: Ballermann? Brauch ich nicht! Ich nehme mir lieber einen Mietwagen und düse über die Insel.

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