Teutoburger Wald: In Lage auf den Spuren der Ziegelei-Geschichte

Damals
Damals
Ich wünschte, man könnte Gerüche konservieren: In der Werkstatt im LWL Ziegeleimuseum in Lage riecht es nach Metall und Schmierfett, nach Dreck und Schweiß, nach längst vergangener Zeit – und es riecht genau so, wie es in der Werkstatt meines Opas immer roch. Es sieht auch genau so aus: Auf der hölzernen Werkbank liegen Zangen, Hammer und Schraubendreher, im Regal stapeln sich Zahnräder und Holzkisten, die Fensterscheiben sind verdeckt von einem Vorhang aus feinsten Spinnenschweben. Hier hat schon lange niemand mehr geputzt und aufgeräumt, und genau so soll es auch bleiben. Denn Ziel des Museums ist es, die Geschichte der Industrie, aber auch der damit verbundenen Menschen zu bewahren.

Von der Handarbeit zur modernen Technik in der Ziegelei

Wer Anfang des vergangenen Jahrhunderts im 1909 gegründeten Familienbetrieb von Gustav Beermann Ziegeln herstellte, brauchte Kraft: Den Lehm aus dem Tagebau stampfte man mit den bloßen Füßen geschmeidig. Dann strichen die Ziegelarbeiter ihn in eine Form, ähnlich einer überdimensionierten Plätzchenbackform. Je zwei Rohlinge trugen sie in der Holzform nach draußen und legten sie zum Trocknen aus. Zwei, drei Wochen später stapelte man die getrockneten Rohlinge zu einem Feldbrandofen, füllte ihn mit Brennmaterial und brannte so die Ziegeln. 200 Ziegel in der Stunde strichen die Arbeiter damals, an einem Zehnstundentag also 2000. 1914 waren es so während der Saison von April bis Oktober eine Million Ziegeln.

Ab 1920 erleichterte die Technik die Arbeit: Jetzt produzierten 37 Mitarbeiter mithilfe einer Dampfmaschine im Jahr drei Millionen Ziegel. Allerdings waren die angeschafften Maschinen teuer, die Firma stand kurz vor der Pleite. Trotzdem war die Anschaffung notwendig gewesen, um mit der Konkurrenz mithalten zu können. Die Ziegelei kam unter Zwangsverwaltung. Im Krieg wurde die Produktion eingestellt, danach durfte Inhaber Beermann seine Ziegelei wieder selbst führen. In den 1950er Jahren kam ein Dieselmotor ins Werk, der die Maschinen mit Energie versorgte. Im Kollergang wurde der Lehm unter sechs Tonnen schweren, massigen Rädern aufbereitet. Es gab Transportbühnen, Trockenanlagen und eine Brennkammer. Dort mussten die Arbeiter zu Beginn alle fünf bis zehn Minuten Kohle durch die Schüttlöcher auf dem Dach nachfüllen, um Temperaturen von um die 1000 Grad Celsius über 24 Stunden halten zu können. Bis 1979 ging die Arbeit in der Ziegelei in Lage weiter. Doch als der Lehm, der in der Eiszeit aus Schweden und Finnland ins heutige Ostwestfalen gekommen war, fast aufgebraucht war, wurde die Ziegelei stillgelegt.

Als ich 2012 als ehrenamtliche Reporterin Tansania in den Usambarabergen war, wurden die Ziegelsteine übrigens gar nicht so sehr anders gemacht, als bei uns Anfang des letzten Jahrhunderts.

Auswanderungsregion Lippe

Obwohl es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gut 60 Handstrich-Ziegeleien in Lippe gab, waren das nicht genügend Arbeitgeber für die Bevölkerung. Viele Männer verließen darum über den Sommer die Region, um sich als Wanderziegler Arbeit beispielsweise in Brandenburg oder Italien zu suchen. Gut zehn Prozent der Bevölkerung in dieser Region war so jährlich für Monate nicht zuhause. Die Frauen blieben mit Kindern, Garten und Vieh zurück und hofften darauf, ihre Männer und die älteren Söhne im Herbst wieder zu sehen. Auch ihre Geschichte wird im Ziegeleimuseum in einer eigenen Ausstellung erzählt. Vor dem Hintergrund der vielen flüchtenden Menschen, die in der Bundesrepublik Sicherheit und einen kleinen Wohlstand suchen, ist das eine wichtige Erinnerung daran, dass es auch den Deutschen nicht immer so gut ging wie heute.

Das Ziegeleimuseum ist eines von acht LWL Industriemuseen. Zu ihnen gehören auch die Zeche Zollern und das Schiffshebewerk Henrichenburg.


In der Ziegelei wird einmal im Jahr zum Museumsfest der Ofen angemacht. Die gebrannten Ziegeln verkauft man zum Beispiel ans LWL Freilichtmuseum in Detmold. Den Museumsführer zum Ziegeleimuseum könnt Ihr bei Amazon (Werbe-Link) kaufen. Im Ziegeleimuseum werden unterschiedliche Führungen angeboten. Wer Lust hat, kann sich auch einen Feierabendziegel selbst gestalten und später zuschicken lassen. Ich habe das natürlich ausprobiert:

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Die Führung im Museum, der Workshop zum Feierabendziegel, Kaffee & Kuchen waren für mich kostenlos. Ich war während der #TeutoBloggerWG im Museum.

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