Bio-Bauernhof Bollheim: „Die Arbeit am Lebendigen“

Kleine Kühe
Kleine Kühe

Kuhhörner mit Mist füllen, sie über den Winter vergraben und im Frühjahr den Horninhalt mit Wasser verrührt als Dünger benutzen? Bergkristall mahlen, bis er fein wie Mehlstaub ist und über Äcker und Wiesen sprühen? Das klingt esoterisch. Nach Hokuspokus, Zaubertrank und Hexerei. Doch auf Demeter zertifizierten Bauernhöfen, in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, ist das normal. Präparate nennt man dort die Ergebnisse dieser Verfahren. Ich kann nicht beurteilen, ob diese Methoden Wirkung zeigen. Aber ich weiß, dass die Produkte aus meiner wöchentlichen IDA-Kiste, die von Demeter zertifizierten Bauern aus der Region kommen, schmecken: Die Möhre schmeckt nach Möhre, Radieschen sind scharf, Käse, Fleisch, Wurst und Brot sind so lecker, dass man auch noch essen könnte, wenn der Hunger längst gestillt ist. Für mich zählt das Ergebnis, und wenn man dafür zu Methoden greifen muss, die vielen Deutschen vielleicht merkwürdig vorkommen, dann soll es so sein.

Davon abgesehen hat Hans von Hagenow überhaupt nichts Esoterisches an sich. Er ist bodenständig, ein Landwirt eben. Mit drei Kollegen bewirtschaftet er Haus Bollheim zwischen Euskirchen und Zülpich. Der Hof ist einer von fast 250 so genannten Demo-Betrieben, die zeigen, wie Ökolandbau funktioniert. 70 Mitarbeiter hat Haus Bollheim, 130 Kühe und Kälber, über 50 Gemüsekulturen und mehrere hundert Hühner. Zahlen, die Hans von Hagenow selbst noch immer staunen lassen. „Ich hätte vor gut 30 Jahren nie damit gerechnet, dass wir einmal so groß würden“, sagt er, als er sich und den Hof im Rahmen der Expedition Biomilch vorstellt. Sie wurde von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung im Bundesprogramm Ökologischer Landbau durchgeführt.

Alles Öko oder was?

Auch wenn Öko, Bio und Demeter Begriffe sind, die bei vielen nur positive Assoziationen hervorrufen, so räumt von Hagenow doch ein, dass seine Arbeit nicht immer einfach ist. Er nennt viele kleine Beispiele, bei denen man auch als biologisch-dynamischer Landwirt an die Grenzen des eigenen Anspruchs kommt: Trixi, Devotion, Berner Rose – diese und andere Tomatensorten beispielsweise würden ohne Plastiktunnel auf Bollheim nicht wachsen. Zu nass und kühl ist das Wetter hier für die zarten Pflanzen aus dem Süden. Auch Radieschen, Salat, Spinat oder Gurken wachsen unter Plastikfolien. „Ist das noch Bio?“, fragt er sich selbst – und das fragen ihn auch die Kunden. Anderes Beispiel: Für Kühe ist es optimal, alle zwölf Stunden gemolken zu werden, morgens um sechs und abends um sechs also. „Fangen wir abends erst um 18 Uhr an, sind wir erst gegen 22 Uhr fertig“, sagt er. Das ist spät, und darum geht man einen Kompromiss ein: Die 55 Kühe werden nach nur zehn Stunden und schon ab 16 Uhr am Nachmittag das zweite Mal gemolken.

Auf Bollheim: Aus dem Euter direkt in die Käserei

Dazu muss man sie natürlich erst von der Weide holen: Nachdem die Straße gesperrt ist, geht das im Rhythmus der Tiere. Manchmal muss man sie sanft auf den ausladenden Hintern klopfen oder einmal beherzt am schwingenden Schwanz ziehen, damit sie ihren schwankenden Schritt fortsetzen. Bevor gemolken wird, reinigt und trocknet man die Euter und desinfiziert die Zitzen. Eineinhalb bis zwei Stunden dauert das – zweimal am Tag. Die etwa 37 Grad Celsius warme Kuhmilch wird dann direkt zur hauseigenen Käserei gebracht und dort sofort weiterverarbeitet. Gut 7000 Liter Milch im Jahr gibt jede Kuh auf Bollheim. 1990 lag die Milchleistung einer Kuh in Deutschland noch bei gut 4700 Litern pro Jahr. In der konventionellen Viehzucht sind es jetzt teilweise schon 10.000 Liter und mehr. Mit ein Grund, warum der Milchpreis zuletzt auf unter 20 Cent pro Liter gesunken ist: Es gibt zu viel davon, die Tiere wurden unter anderem durch Futter zu sehr optimiert. „Der Preis für Biomilch ist jedoch noch stabil“, sagt Hans von Hagenow. „Denn die Nachfrage steigt ständig. In einigen Jahren wird der Preis jedoch auch bei uns nachgeben“, mutmaßt er. Dann, wenn mehr Biomilch auf dem Markt ist, aber die Nachfrage nicht weiter steigt. Haus Bollheim wird der vielleicht künftig fallende Biomilchpreis jedoch wahrscheinlich nicht treffen: Schließlich wird die Milch in der Käserei direkt verwertet.

Auch Bio hat mit Geld zu tun

Trotzdem geht es natürlich auch im Haus Bollheim ums Geld: „Wir müssen mit Zahlen umgehen können“, sagt von Hagenow. „Die Arbeit muss sich rechnen“. Was das heißt, scheint nicht allen Kunden bewusst zu sein. Viele haben häufig ein verklärtes Bild von Bioprodukten: So glaubten einige Kunden auf dem Markt, dass er den Salat, den er dort verkauft, noch morgens geerntet habe, bevor er den Stand aufbaute. Andere wollten zu den angebotenen Möhren die gesamte Geschichte vom Saatgut bis zum Verkauf wissen. „Die können sie gerne bei uns auf dem Hof erfahren“, sagt Hans von Hagenow. „Würde ich sie ihnen auf dem Markt erzählen, würde ich aber viel zu wenig verkaufen.“ Er sagt das mit einem Lachen. Denn Hans von Hagenow liebt es, seine Arbeit den Menschen näherzubringen. Darum absolvieren auf Bollheim auch Schulklassen ein zehntägiges Praktikum. Es gibt Einführungen ins Backen und in die Käserei für Interessierte und auch Kindergartenkinder sind willkommen, um zu erfahren, dass Milch und Eier nicht direkt im Supermarkt gemacht werden. Was für Hans von Hagenow zählt, das lässt sich leicht in einem Satz sagen: „Es ist die Arbeit am Lebendigen, mit der Natur und den Tieren“. Und genau das vermittelt er auch seinen Besuchern – gut und gerne.

Während der Expedition Biomilch wurden die Kosten für Unterkunft und Verpflegung vom Veranstalter übernommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.