Köln-Godorf: Betriebsbesichtigung der Rheinland Raffinerie

Es ist nicht immer Shell: Am 14. Oktober sieht man die Rauchentwicklung der Fackel von Lyondellbasell bis Ehrenfeld
Es ist nicht immer Shell: Am 14. Oktober sieht man die Rauchentwicklung der Fackel von Lyondellbasell bis Ehrenfeld

Wenn am Himmel im Kölner Süden dicke schwarze Wolken zu sehen sind, dann liegt für viele Kölner der Grund schnell auf der Hand: Bei Shell in der Rheinland Raffinerie ist wieder einmal etwas schief gegangen. Dabei lässt sich das gar nicht so einfach sagen. Ein gutes Beispiel dafür war der 14. Oktober: Da war es nämlich Lyondellbasell, die eine „unerwünschte Fackeltätigkeit“ hatte, wie es im Internet heißt. Und die hat man bis Köln-Ehrenfeld gesehen. LyondellBasell sitzt wie die Rheinland Raffinerie von Shell im Kölner Süden. Der Kölner Stadtanzeiger meldet übrigens auch für den 22. November eine Fackeltätigkeit. Das soll nicht heißen, dass es nie Shell ist, deren Fackel man sieht – so gab es dort beispielsweise im Oktober eine ungeplante Fackeltätigkeit mit Rauchentwicklung – aber es ist eben nicht immer Shell. Bei Lyondellbasell werden Kunststoffe hergestellt, bei Shell geht es in Wesseling und Köln-Godorf vor allem um Rohöl.

Damit die Raffinerie an zwei Standorten überhaupt als eine wahrgenommen werden kann, gibt es seit 2015 eine Rohrfernleitung von vier Kilometern Länge, die beide Werke verbindet. Sie heißt passenderweise Connect und läuft unter dem Rhein, teilweise sogar in bis zu 15 Metern Tiefe. Der Durchmesser dieser Leitung aus Beton beträgt zwei Meter, ich könnte also locker aufrecht hindurchgehen. Durch diese Verbindung ist die Raffinerie im Kölner Süden die größte in Deutschland, die drittgrößte in Europa, und da dort auch giftige und explosive Stoffe zum Arbeitsalltag gehören, wird Sicherheit großgeschrieben.

Sicherheit in der Rheinland Raffinerie

Wer in der Rheinland Raffinerie arbeiten möchte, muss im so genannten Safety Center einen Test bestanden haben. Dort sind in einer Halle zwölf unterschiedliche Szenen wie zum Beispiel „Gerüstbau“ und „Arbeitskleidung“ aufgebaut. In jeder Szene stecken bis zu 20 Fehler. Jeder Mitarbeiter muss diese Fehler finden, muss wissen, warum es sich um einen Fehler handelt, und wie man sich verhält, wenn man einen solchen Fehler bemerkt. Den Test gibt es in 13 Sprachen, und für den gesamten Parcours benötigt man etwa zweieinhalb Stunden.

Blick von oben. Quelle: Shell
Blick von oben. Quelle: Shell

Das alles erfahre ich bei einer Betriebsführung in Köln-Godorf. Sie startet im Nachbarschaftsbüro in Wesseling, das Shell dort mit den benachbarten Firmen Evonik, Lyondellbasell und anderen Firmen betreibt, damit sich die Anwohner und andere interessierte Bürger über die Arbeit der Unternehmen informieren können. Im Nachbarschaftsbüro bekomme ich auch eine Einführung ins Thema.

Zahlen, Daten Fakten
Shell hat weltweit über 90.000 Mitarbeiter
1 bis 2 Prozent des weltweiten Erdölbedarfs wird von Shell abgedeckt.
Shell fördert mehr Gas als Erdöl.
Shell hat einen eigenen Geschäftsbereich für neue Energien.
Shell ist seit 1902 in Deutschland aktiv, Wesseling ist seit 1941 in Betrieb und seit 2004 bei Shell.
Die Raffinerie in Godorf und Wesseling hat eine Fläche von 4,5 Quadratkilometern
In der Rheinland Raffinerie arbeiten 3000 Mitarbeiter, davon sind 1500 Subunternehmer und 100 Azubis. 2018 wurden 30 neue Azubis eingestellt, die beispielsweise zu Chemikanten oder Elektroniker für Automatisierungstechnik ausgebildet werden.

Warum Handys in der Rheinlandraffinerie verboten sind

Auf das Gelände kommt nur, wer dort auch arbeitet. Handys sind verboten, denn durch einen Funkenflug könnte es zu Explosionen kommen. Auch Fotografieren ist nicht erlaubt, schließlich könnten Fotos der Anlagen, die in die falschen Hände kommen, die Konkurrenz mit Informationen versorgen, die ihnen einen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen.

Shell mit Domblick. Copyright Shell/cgh
Shell mit Domblick. Copyright Shell/cgh

Was mir bei unserer Bustour über das Gelände direkt nach der Schranke auffällt, sind die vielen Fahrräder. Constantin Graf von Hoensbroech, Mitarbeiter der Unternehmenskommunikation, der die Führung organisiert hat, erklärt das so: „Die Fahrräder sind das schnellste Verkehrsmittel auf dem Gelände. Damit kommt man überall hin – also auch dahin, wo keine Autos fahren dürfen.“ Mit seinen Kollegen arbeitet er in einem grünen Gebäude nah am Eingang, dem man ansieht, dass es von 1960 ist. Aufgrund seiner Farbe wird es „Spinatbau“ genannt. Hier sitzen auch die Verwaltung und der Betriebsrat.

Welche Rohölmengen in der Rheinland Raffinerie umgeschlagen werden

Die Rheinland Raffinerie verbraucht im Jahr so viel Strom wie 130.000 Vier-Personen-Haushalte. Pro Stunde werden etwa 700 Tonnen Erdgas benötigt. „Wir sind Stromeigenerzeuger“, erklärt Constantin, als unser Bus an der Trafostation vorbeifährt. Dabei bleibt sogar ein bisschen Energie übrig, die Shell ins Stromnetz einspeist. Damit in der Rheinland Raffinerie Rohöl zu Benzin verarbeitet werden kann, muss es zunächst einmal angeliefert werden. Das passiert in einer Pipeline, die mindestens einen Meter unter der Erde verläuft. Sie kommt aus dem 280 Kilometer entfernten Rotterdam. Das Rohöl wird in sieben Tanks gelagert. Sechs dieser Tanks fassen jeweils unvorstellbare 25 bis 30 Millionen Liter, der siebte sogar rund 90 Millionen Liter. Täglich wird der Inhalt von eineinhalb Tanks verarbeitet. „Somit gelangen 44.000 Tonnen unserer Produkte pro Tag in den Wirtschaftskreislauf“, sagt Constantin. Jedes neunte Auto und jedes sechste Flugzeug ist mit Benzin beziehungsweise Kerosin aus der Rheinland Raffinerie betankt. Im Umkreis von 70 Kilometern gibt es kaum eine Tankstelle ohne Benzin aus Gondorf oder Wesseling. Trotzdem ist nicht alles Shell: Die verschiedenen Marken entstehen beim Tanken durch die Beimischung von Additiven.

In weiteren 130 Tanks in Godorf und 100 Tanks in Wesseling lagern Zwischenprodukte und Vorräte, denn alle rohölverarbeitenden Unternehmen sind verpflichtet, Mineralölprodukte für einen Notfall vorrätig zu halten. Erst neulich wurden Reserven freigegeben, weil auf dem Rhein wegen Niedrigwasser derzeit nicht so viel transportiert werden kann, wie es nötig wäre. Jeder dieser Tanks steht in einem Becken, so dass sich der Inhalt nicht willkürlich verbreiten könnte, sollte er auslaufen. „Das aber ist im Prinzip sowieso nicht möglich“, so Constantin, „denn jeder Tank ist doppelt gesichert.“

Auf dem Shell-Gelände darf man keine Fotos machen - wohl aber im Vorbeifahren aus dem Zug
Auf dem Shell-Gelände darf man keine Fotos machen – wohl aber im Vorbeifahren aus dem Zug

Was sich in der Rheinland Raffinerie tut

In der Rheinland Raffinerie stehen die Uhren niemals still. Hier wird an 365 Tagen im Jahr gearbeitet. Trotzdem gibt es regelmäßig einen sogenannten Stillstand, in dem die Anlagen ähnlich wie ein Auto inspiziert und gewartet werden. Dort, wo wir auf dem Gelände Kräne gesehen haben, arbeiteten im September zusätzliche 200 Mitarbeiter über sechs Wochen an einer größeren Wartung. Im Frühjahr 2018 waren sogar 1500 zusätzliche Mitarbeiter auf dem Gelände, um einen Großstillstand zur Wartung zu nutzen. Damit eine solche Wartung möglich ist, muss die Anlage außer Betrieb genommen werden. Dabei bleiben jedoch immer Restgase zurück. Diese müssen kontrolliert abgefackelt werden, und genau dadurch kommt es ab und zu zur Feuer- und Rauchentwicklung, die ich auch in Ehrenfeld sehen kann. Schließlich brennt die Fackel in 70 Metern Höhe. Restgase müssen auch abgefackelt werden, bevor eine Anlage wieder in Betrieb genommen wird.

Neulich erst wurden in der Rheinland Raffinerie zehn Kilometer Leitungen neu gebaut, um Produkte in einen Tank zu pumpen, in einen Lastwagen oder zu einem Schiff oder von dort ins Werk. „Schließlich ist der Rhein für uns der wichtigste Transportweg“, sagt Constantin. „Darum stellt der derzeitige niedrige Wasserstand eine besondere Herausforderung für unsere Logistik dar“. 34 Prozent der Transporte der Rheinland Raffinerie sind auf dem Fluss unterwegs, 30 Prozent auf der Straße. Gut 800 Tanklastwagen pro Tag fahren die beiden Werke an.

Überraschung: Shell ist Waldbesitzer und hat einen berühmten Fußballplatz

Auf dem Gelände der Rheinland Raffinerie gibt es neben Produktionsanlagen und Tanks auch etwa 27 Hektar Wald. „Damit sind wir ein großer, privater Waldbesitzer in Köln“, erklärt Constantin. Dementsprechend gibt es auf dem Gelände auch seltene Vögel, Hasen und Füchse.

Zu Shell gehört übrigens auch ein Fußballplatz, der an den SV Godorf verpachtet ist. Dort wurde – große Überraschung – zumindest teilweise „Das Wunder von Bern“ gedreht.

Wie Ihr an einer Betriebsführung teilnehmen könnt

Wenn Ihr Euch auch für eine Führung in der Rheinland Raffinerie interessiert, könnt Ihr Euch im Nachbarschaftsbüro melden. Das ist in Wesseling in der Bahnhofsstraße. Montags ist es von 14 bis 17 Uhr geöffnet, dienstags bis freitags von 9 bis 12 Uhr. Ihr könnt Euch auch telefonisch anmelden unter 08002236123.

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