Beethoven digital: AR-Spaziergang in Bonn, virtueller Museumsbesuch und noch mehr

In Zeiten von Corona genießt man Beethoven am besten digital

Fesch ist er gekleidet, der junge Beethoven: Dunkelgraue Hose, hellgraue Weste, dunkelblauer Gehrock. Und natürlich das rote Tuch, mit dem er oft gezeichnet wurde. Heute sehe ich Ludwig van Beethoven aber nicht auf einem Gemälde, sondern er steht vor mir, und zwar vor dem Haus in Bonn, in dem er aufgewachsen ist. Seine Stimme klingt zwar etwas monoton, aber er erzählt mir fließend seine Geschichte, während ich auf den Bildschirm meines Smartphones schaue. Allerdings: nur ich kann ihn sehen. Die Passanten laufen achtlos in ihn hinein und durch ihn hindurch, so scheint es. Das ist nicht verwunderlich, denn der junge Beethoven existiert nur digital, und zwar in der App BTHVN2020, die die Telekom AG in Auftrag gegeben hat.

Natürlich wurde die App aus Anlass des 250. Geburtstags gemacht. Sie führt mich durch das Zentrum von Bonn, immer auf den Spuren des Musikers. Mein Fazit: Das macht Spaß, ich hatte eine gute Zeit. Aber die App hat Tücken. Das hängt einerseits mit der Usability zusammen, andererseits mit meinem Smartphone.

So funktioniert die App BTHVN2020

Start des Spaziergangs ist vor dem Beethovenhaus in Bonn. Öffnet man dort die App und wischt zum Kapitel „Beethoven-Haus“, sieht man einen orangefarbenen Button „Start“. Wenn man ihn geklickt hat, sieht man einen blauen Kreis. Den tippt man wieder an, und dann steht der junge Beethoven vor einem. Sinnvollerweise trägt man Kopfhörer, um seine Geschichte zu hören. Am Ende der Geschichte angekommen, tauchen neben ihm zusätzliche Flächen auf. Klickt man sie, kann man beispielsweise einen virtuellen Blick ins Innere des Beethovenhauses werfen, dorthin, wo sein Klavier steht.

Rechts oben ist außerdem ein kleiner Schulranzen abgebildet. Wenn man ihn antippt, bekommt man eine Liste von virtuellen Gegenständen, die man an jeder Station sammeln kann. Das sind am Beethoven-Haus beispielsweise das Notenheft und das Tintenfass. Darum geht man zurück ins virtuelle Umfeld – und oh ja! Das Notenheft liegt am Klavier. Ich klicke darauf, und bekomme dafür einen Punkt gutgeschrieben. Dann geht man zurück ins Hauptmenü, klickt den nächsten Punkt an, und lässt sich mit Google Maps dorthin navigieren.

Die Tücken der App – oder Beethoven digital hat eine Usability-Schwäche

Ein Punkt: Neben virtuellen Räumen, die ich betreten kann, gibt es auch historische Ansichten. Klicke ich sie an, sehe ich jedoch nur die Jetztzeit – und wundere mich. Besonders, als ich zuhause feststelle, dass genau das unter den Kreisen steht: “Tippe auf die Kreise um ein Erlebnis zu starten” – diese Anleitung habe ich vor Ort nicht gesehen. Und passiert ist bei meinem intuitiven Versuch leider auch nichts. Statt dessen bin ich auf die historischen Ansichten zugegangen, so lange, bis sie im Prinzip den gesamten Bildschirm einnehmen. Dann konnte ich mir ansehen, wie es früher im hölzernen Konzertsaal oder an anderen Stellen ausgesehen hat.

Ähnlich ist es an anderer Stelle: Hellgrau auf weiß, das sieht man nicht besonders gut. Weiß eigentlich jeder. Wenn ich in der Übersichtsliste der Gegenstände bin, die ich sammeln möchte, kann ich mir Infos zu jedem Gegenstand durchlesen. Um dann zurück zu kommen, muss ich links oben einen fast nicht-sichtbaren hellgrauen Pfeil auf weißem Untergrund klicken. Sehe ich diesen nicht, bin ich auch hier verwirrt. Gleiches Spiel eine Ebene zurück: Dort muss ich links oben das graue Kreuz auf weißem Hintergrund anklicken, um ins Hauptmenü zurückzukommen.

Ich versuche übrigens, alle virtuellen Gegenstände zu sammeln. Das gelingt mir leider nicht: An der Sankt Remigius-Kirche finde ich trotz langem Suchen kein Notenblatt. Den Löscheimer am Sankt Remigiusplatz finde ich zwar – eher zufällig – aber sein Fund wird mir nicht gutgeschrieben – genauso wenig wie die Punkte für die Medizinfläschchen am Wirtshaus. Die Münzen an der Schlosskirche finde ich sehr klein. Die Öllampe am Kaufhaus und die Münze am Beethoven-Denkmal finde ich leider auch nicht. Das mag an meiner Inkompetenz liegen. Oder daran, dass die Usability nicht perfekt ist. Oder auch an meinem Smartphone.

Und was sagt mein Smartphone zu BTHVN2020?

Tja, mein Smartphone ist drei Jahre alt. Natürlich ist es schon etwas abgenudelt, weil es so oft benutzt wird. Die Batterie ist nicht die Beste, das weiß ich. Zur Sicherheit möchte ich eine Powerbank mitnehmen, doch ich stelle fest, dass sie leer ist und lasse sie darum zuhause. Ein Blick auf den Akku: 93 Prozent. Sollte eigentlich reichen. Als ich wieder zurück in Köln bin, habe ich nur noch 19 Prozent. Fazit: BTHVN2020 zieht ganz schön viel Strom. Kein Wunder, es ist eine AR-App. Dementsprechend heiß wird mein Smartphone übrigens.

Mein Tipp: Nehmt auf jeden Fall eine Powerbank mit – besonders, wenn Ihr noch ein Rückfahrtticket für die Bahn kaufen müsst.

Was mich sehr ärgert: Ich kann auf dem Bildschirm nicht viel erkennen. Dabei habe ich das Licht auf 100 Prozent gestellt, es gibt keine direkte Sonneneinstrahlung, der Himmel ist sogar leicht bedeckt – aber der Bildschirm ist so dunkel, dass ich stellenweise gar nichts sehe. Möglicherweise ein Grund, warum ich manche virtuellen Gegenstände einfach nicht finden kann.

Mein Tipp: Geht besser bei nicht ganz perfektem Wetter los. Dann seht Ihr mehr. Oder vielleicht am frühen Abend, wenn es nicht mehr ganz hell ist.

Trotz dieser Probleme hatte ich viel Spaß mit der App. Ich fand es schön, die Geschichte zu hören, ich finde die musikalischen Einlagen toll – besonders natürlich ganz am Ende. Und ich mag auch den spielerischen Ansatz, virtuelle Gegenstände zu finden.

BTHVN2020 und Corona

Eigentlich ist der AR-Spaziergang mit der App coronakonform. Denn Ihr seid alleine oder mit einem Freund unterwegs, und Ihr seid an der frischen Luft. Theoretisch sollte nicht sehr viel passieren. Allerdings: An einem Samstagmittag ist das Zentrum von Bonn sehr voll. Und Ihr müsst mehrfach über den Marktplatz gehen. Das heißt, Ihr seid ständig in der Nähe von anderen Menschen.

Mein Tipp: Macht den Spaziergang lieber unter der Woche, und am besten zu einer Zeit, zu der nicht so viele Menschen unterwegs sind.

Beethoven digital: Ein Stadtspaziergang als Hörspiel

Außer der App gibt es auch noch die Beethoven Story.  Dazu müsst Ihr Euch keine App herunterladen, dieser Spaziergang ist eine Webanwendung, die Ihr nach dem Klicken des Links im Smartphone starten könnt. Alternativ geht Ihr einfach an die großen gelben Multimedia-Säulen, die über die Stadt verteilt sind. Der Stadtspaziergang beginnt auch am Beethovenhaus, kommt auch an der Remigiuskirche, dem Wirtshaus Zehrtgarten und den meisten anderen Stationen vorbei. Und auch in der Beethoven Story wird die Geschichte Beethovens erzählt, allerdings als eine Art Hörspiel. Man hat also verschiedene Sprecher und atmosphärische Klänge. Das lässt sich sehr gut anhören – und um ehrlich zu sein, muss man dafür gar nicht vor Ort sein. Zumindest, wenn man Bonn ein bisschen kennt.

Beethoven: Welt. Bürger. Musik

Ihr habt die große Ausstellung zum Beethovenjahr in der Bundeskunsthalle verpasst? Das macht fast nichts: Ihr könnt sie digital besuchen auf einer Internetseite des ZDF. Außerdem gibt es bei Twitter den BeethovenBot. Das Literaturhaus und das Beethovenhaus Bonn bespielen diesen Kanal gemeinsam und setzen sich dort mit Beethovens Briefen und Konversationsheften auseinander.

Übrigens: Natürlich fallen viele Veranstaltungen wegen der Corona-Pandemie aus. Aber: Einige finden auch digital als Live-Stream statt. Mehr darüber erfährt man auf der Seite von BTHVN 2020.  In unserer Podcastfolge zur digitalen Kultur erfahrt Ihr übrigens mehr darüber, was Corona für das Beethovenjahr 2020 bedeutet – mit ganz konkreten Beispielen. Und eine gute Nachricht gibt es in dieser Zeit außerdem: Das Jubiläumsjahr wurde bis zum September 2021 verlängert.

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