Ausgangssperre in Köln: Eine Stadt im Ruhemodus

Ausgangssperre in Köln: zwischen Hauptbahnhof und Dom
Ausgangssperre in Köln: zwischen Hauptbahnhof und Dom

Es ist 20 vor neun, als ich mich aufs Fahrrad setze und Richtung Dom fahre. Bei Rewe ist noch geschäftiges Treiben: Zwei Lieferwagen werden entladen. Aus der Linie 5, die gerade aus der Stadt kommend an der Liebigstraße hält, kommt mir ein Schwung überwiegend junger Menschen entgegen. Ich biege rechts ab auf die Subbelrather. Im Vorbeifahren sehe ich an der Haltestelle Gutenbergstraße, dass die nächste 5 stadteinwärts in vier Minuten kommt. Drei Fahrgäste warten auf dem Bahnsteig. Ich rechne: Abhängig vom Ziel könnte es etwas knapp werden, mit der nächsten 5 noch vor Beginn der Ausgangssperre anzukommen.

Ausgangssperre in Köln: Wer darf raus?

Apropos Ausgangssperre. Warum bin ich eigentlich auf der Straße? Ich bin Journalistin. Das kann ich sehr einfach mit dem Presseausweis belegen. Und wenn ich diesen Artikel schreibe, komme ich meiner beruflichen Tätigkeit nach. Das ist einer der Gründe, warum man trotz Ausgangssperre raus darf. Um über eine Ausgangssperre zu schreiben, muss man halt draußen gewesen sein. Logisch, oder? Heißt aber auch: Für diesen Zweck darf ich raus, nicht aber, um zum Spaß durch die Gegend zu fahren oder spät noch Freunde zu besuchen.

Bevor ich auf dem Fahrrad losgefahren bin, habe ich noch versucht, mich bei der Stadt und dem Ordnungsamt telefonisch rückzuversichern. Ich bin aber nicht durchgekommen. Und weil ich auf meine Anfrage per Mail nicht rechtzeitig eine Antwort bekommen hatte, habe ich die Meinung des Justiziars des DJV-NRW zu diesem Thema eingeholt.

Wen trifft man wohl da draußen?

Ein bisschen Angst habe ich trotzdem, als ich auf meinem Fahrrad unterwegs bin. Nicht vor der Polizei oder dem Ordnungsamt, sondern davor, wie sich Menschenleere anfühlen wird. Und ja, auch davor, welche Menschen man trotz Ausgangssperre auf der Straße treffen wird.

Auf meinem Weg in die Stadt sehe ich noch ziemlich viele Autos. Ein Fahrschulwagen mit dem Kennzeichen BM steht neben mir. Ob er die Ausgangssperre im Kopf hat? Am Herkulesberg sehe ich eine Frau zwischen den Bäumen den steilen Weg nach oben laufen. Das finde ich um diese Zeit sehr mutig. 

Kurz vor 21 Uhr erreiche ich den Hauptbahnhof. Den Platz davor habe ich noch nie so leer gesehen. Das muss ich erst einmal verdauen. Auf der breiten Treppe hoch zum nicht-angestrahlten Dom sitzt ein Reisender mit seinem Koffer, ein Pärchen steht dort eng umschlungen, ein Einzelner hastet auf das Bahnhofsgebäude zu. Ich überquere die Trankgasse quer und ohne auf die Ampel zu schauen – es ist sowieso fast niemand unterwegs. Mein Blick fällt auf die menschenleere Domplatte. Das macht mich fast fassungslos. Andererseits bin ich froh, dass sich die Kölner offensichtlich größtenteils an die Regelung halten.

Vom Hauptbahnhof nach Ehrenfeld

Ausgangssperren habe ich zwar lange als unnütz betrachtet. Doch seit ich weiß, dass in Großbritannien, Portugal, Italien und vielen anderen Ländern die Infiziertenzahlen deutlich gesenkt wurden, finde ich, wir sollten das zumindest ausprobieren. Von mir aus dürfte sie sogar eine Stunde früher beginnen. Das würde aber wahrscheinlich für viele zu richtig Stress und zu übervollen Supermärkten kurz vor acht führen.

Mein Weg führt mich von der Trankgasse am Stadtmuseum vorbei. Dort war ich neulich noch zur Ausstellung Köln in Trümmern. Leider hat sich die Coronasituation seither in Köln so verschlechtert, dass die Museen wieder geschlossen sind. Richtung Friesenplatz überfahre ich einmal fast eine rote Ampel, weil ich so erstaunt bin, dass auf der Gegenseite bei Rot gleich drei Autos und zwei Motorräder Richtung Stadtzentrum stehen. Die Motorräder entpuppen sich beim Vorbeifahren als Mitarbeiter*innen des Ordnungsamtes. Es ist zwei Minuten vor neun.

Lieferando arbeitet noch

Rund um den Friesenplatz sind noch einige Autos, Fahrräder und Fußgänger unterwegs. Die meisten sind alleine, wahrscheinlich sind sie auf dem Weg nach Hause. Aber auch ein nicht mehr ganz junges Pärchen ist noch unterwegs. Es ist gerade wenige Minuten nach neun, also alles gut.

Aus dem Augenwinkel sehe ich zwischen dem leerstehenden Haus an der Ecke vom Hohenzollernring und der Magnussstraße und dem U-Bahn-Zugang fünf dunkle Gestalten stehen. Ich will nicht genau wissen, was sie da machen und fahre darum weiter Richtung Rudolfplatz, vorbei an einem geöffneten Dönerladen. Im ersten Moment frage ich mich, warum er nicht schließt. Kund*innen können ja eigentlich nicht mehr kommen. Doch nachdem ein Lieferando-Fahrer an mir vorbeizieht, wird mir klar, dass die Lieferdienste natürlich auch irgendwo Waren abholen können müssen, um sie auszuliefern. Überhaupt scheinen Lieferdienste gefragt zu sein: Insgesamt sehe ich fünf Lieferando-Fahrer, zwei Burgeme-Auslieferer und das Pizzataxi vom Piccola in Ehrenfeld einmal während meiner knapp 75-minütigen Tour.

Am Rudolfplatz sind auch nur wenige Fußgänger, aber noch einige Autos unterwegs. Doch als ich jetzt stadtauswärts auf der Aachener fahre, kommen mir immer weniger Autos entgegen. In der Ferne, auf der Inneren, sehe ich zweimal kurz hintereinander Blaulicht vorbeidüsen. Ob Polizei oder Rettungswagen, kann ich nicht erkennen. Aber immerhin habe ich auf den Seiten der Polizei Köln heute nichts Bemerkenswertes über den gestrigen Abend gefunden.

Am Grüngürtel vorbei in die Venloer

Ich werfe im Vorbeifahren einen schnellen Blick in den Grüngürtel: Er ist bis auf zwei Fahrradfahrer leer. Das ist jedoch nicht so verwunderlich: Es ist dunkel und nicht warm genug, um draußen zu sitzen. Jetzt biege ich rechts auf die Innere ab Richtung Ehrenfeld. Hier werde ich doch von einigen Autos überholt. Einer hat das Kennzeichen von Euskirchen, zwei Duisburg, mehrere BM. Und es sind viele Kölner unterwegs. Aber vielleicht müssen sie zur Arbeit. Oder sie kommen von dort. Oder sie gehören zu den 21 Kölner*innen, die bisher einen Eilantrag gegen die Ausgangsbeschränkungen gestellt haben. 

Mich stört diese Beschränkung ja überhaupt nicht. Das letzte Mal war ich Ende Oktober 2020 nach 21 Uhr auf der Straße. Das liegt zugegebenermaßen auch daran, dass unsere Knuffelkontakte im selben Haus wohnen wie wir. Unsere Treffen finden selbstverständlich bei offenen Fenstern statt – und das bei Wind und Wetter. Wir haben außerdem einen Luftqualitätsmesser im Wohnzimmer und den Raumluftreiniger eingeschaltet. Außerdem lassen wir uns zweimal die Woche testen.

Es wird dank Ausgangssperre immer ruhiger

Jetzt bin ich schon fast am Ziel: Noch links in die Venloer, vorbei an einem jüngeren Mann. Obwohl ich eine FFP2-Maske trage, rieche ich verwundert seinen starken Seifengeruch im Vorbeifahren. Auf der Venloer sind wenige Autos unterwegs, aber einige Fahrradfahrer. Beispielsweise ein älterer Mann in knielanger Hose, für meine Verhältnisse ist er zu leicht angezogen. Es ist jetzt 20 nach neun.

Rechts auf dem Gürtel fühlt es sich an, als ob es schon nach Mitternacht wäre, so ruhig ist es hier. Nochmals rechts, jetzt bin ich auf der Subbelrather Straße. Ich halte an der Kreuzung, um ein Foto zu machen, und sehe aus dem Augenwinkel, wie ein Mann, der im Türrahmen schräg hinter mir stand, schnell im Haus verschwindet und leise die Tür schließt. Ein Transporter kommt mir stadtauswärts entgegen, an der Haltestelle setzen sich zwei junge Männer ins Wartehäuschen. Sie wirken auf mich nicht ganz nüchtern.

Rewe gegenüber hat jetzt geschlossen, eine Mitarbeiterin verlässt gerade durch den Seiteneingang das Gebäude. Ein anderer Mitarbeiter ist innen noch mit neuer Ware beschäftigt. Für mich war’s das, ich bin wieder zuhause. Und froh darüber, Euch jetzt einen Eindruck von meiner kurzen Tour geben zu können. 

Ausgangssperre in Köln: Eine Stadt im Ruhemodus

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