Tropextrakt: Wenn aus den Früchten der Welt Saft wird

Fingerspitzengefühl gefragt
Fingerspitzengefühl gefragt

Kokosblütensirup, etwas Ingwer, Pfeffer, Moringa-Tee – Lisa Kilian mischt Zutaten in einem kleinen Labor im Frankfurter Osten. Heraus kommt ein Saft, den ein Kunde bei ihrem Arbeitgeber Tropextrakt in Auftrag gegeben hat. „Das ist die vierte Bemusterung“, sagt die studierte Lebensmitteltechnologin. „Der Kunde wünschte mehr Schärfe.“ Mehr Schärfe, weniger Süße, etwas mehr Rot – manchmal dauert es ein bisschen, bis man genau das getroffen hat, was sich der Kunde vorstellt. „Darum ist es wichtig, dass man gut zuhört “, sagt Lisa Kilian. Schon zu Beginn gibt es nämlich mit jedem Kunden ein sehr ausführliches Gespräch. In der Regel experimentiert Lisa Kilian dann einen halben Tag im Labor – und ist oft schon sehr nah am gewünschten Geschmack.

In ihren Schubladen und Schränken hat die Lebensmitteltechnologin viele kleine Döschen mit möglichen Zutaten: Guarana, Ginseng oder eben den afrikanischen Moringa-Tee, der grün ist und nach Heu riecht. Ihre Lieblingszutat ist derzeit jedoch die Yuzu-Frucht, die nach Mandarine-Limone-Grapefruit schmeckt, „nach Sommer“, wie es die Lisa Kilian beschreibt. Gefunden hat diese Frucht ihr Chef, Ingo Kniepert. Er reist etwa drei Monate im Jahr durch Europa, Lateinamerika und die asiatischen Länder, um dort die Kooperationspartner zu treffen. Dabei ist er immer auf der Suche nach exotischen Früchten, die wir in Deutschland noch nicht kennen.

Brauchen wir das denn?

„Wozu?“, frage ich ihn. Schließlich haben wir in Deutschland Äpfel, Birnen und Johannisbeeren, aus denen sich hervorragende Säfte machen lassen. Stimmt, sagt er, eigentlich brauchen wir die exotischen Geschmäcker nicht, aber wir wünschen sie uns. „Die Deutschen sind außerdem Reiseweltmeister“, sagt Kniepert weiter. „Sie kommen bei ihren Reisen mit vielem in Berührung, was es hier nicht gibt. Und sie möchten den Geschmack zuhause auch gerne haben – in Getränken oder Joghurt beispielsweise.“ Hier kommen die Fruchtextrakte ins Spiel, die Ingo Kniepert in den betreffenden Ländern herstellen lässt und nach Deutschland exportiert. Meistens übrigens auf dem Schiffsweg. „Im Flieger transportieren wir nur Waren, die leichter verderblich sind.“ Mateextrakt beispielsweise ist nur wenige Monate haltbar. Verbringt er einen Großteil dieser Zeit auf einem Schiff, lohnt sich der Export für Tropextrakt nicht. Darum muss Kniepert diesen und ähnliche Pflanzenextrakte einfliegen lassen.

Ohne Qualitätsmanagement geht’s nicht

Ob Flieger oder Schiff – ist das denn nachhaltig, wenn eine Zutat vom anderen Ende der Welt nach Deutschland geliefert wird? „Kommt darauf an“, sagt Ingo Kniepert. „Wir importieren Fruchtextrakt – aber wir exportieren Ideen“. Denn man arbeite nur mit Kooperationspartnern zusammen, die ihre Mitarbeiter fair behandeln und bezahlen und nachhaltig anbauten. Die Bauern profitierten übrigens auch von einer Abnahmegarantie, die sie besser planen lässt. Sie sind jedoch nicht verpflichtet, die gesamte Ernte den Tropextrakt-Kooperationspartnern zukommen zu lassen. Zahlt ein anderer Kunde besser, dürfen sie auch diesen beliefern. Zusätzlich werden keine Zwischenhändler eingeschaltet, so bleibt mehr Geld direkt beim Bauern übrig.

„In vielen Teilen der Welt waren unsere Standards bisher eher unbekannt. Dadurch, dass wir mit unseren Partnern zusammenarbeiten, tun wir auch etwas Gutes.“ Lässt sich das denn kontrollieren, oder sind das nur schöne Worte? „Es ist in unserem eigenen Interesse, dass unsere Kooperationspartner uns nichts vormachen“, sagt Kniepert. „Schließlich legen auch unsere Kunden immer mehr Wert darauf, dass nachhaltig gewirtschaftet wird.“ Kniepert liefert in 24 Länder, und es wäre für ihn mehr als schlecht, wenn sich beispielsweise Pestizide in seinem Extrakt fänden, die er seinen Kunden gegenüber garantiert ausschließt.

Ingo Kniepert über Nachhaltigkeit

Transparenz ist darum sehr wichtig. Tropextrakt beschäftigt deswegen zwei Mitarbeiter, die sich ums Qualitätsmanagement kümmern: Das beginne damit, dass potenzielle Kooperationspartner fix antworten müssten und ihre Qualitätsstandards mit einem Zertifikat belegen können müssen. Weil aber in manchen Regionen der Welt auch ein Zertifikat nicht viel aussagt, reist Ingo Kniepert eben viel. Er kennt jeden Anbauer, von dem er Waren bezieht, per Handschlag. In Brasilien kann er sich hervorragend mit ihnen unterhalten, denn dort ist er aufgewachsen. Sein Portugiesisch reicht auch für die Länder Lateinamerikas. Nur in den asiatischen Ländern ist ein Übersetzer notwendig.

Und woher kommt nun die Yuzu?

Auf einer dieser Reisen nach Korea bekam Kniepert übrigens einen Tee vorgesetzt, dessen Aroma ihn erstaunte. Er forschte nach, was dahinter steckte, und stieß auf die Yuzu, eine Zitrusfrucht mit dicken Kernen, besagter derzeitiger Lieblingsgeschmack von Lebensmitteltechnologin Lisa Kilian. „In der Sternegastronomie wird das Aroma eingesetzt, um Salate zu verfeinern“, sagt Kniepert, auch im Dessert oder am Fisch könne man Yuzu finden. Und bei Häagen Dasz gibt es eine Sorte Yuzu Citrus Breeze.

Kniepert hat aus der Frucht mit einem spanischen Kooperationspartner ein eigenes Tonic Water auf den Markt gebracht: Qyuzu. Für ihn war das Ganze eigentlich ein Spaßprojekt – er wollte herausfinden, wie man sich als Kunde fühlt, wenn man beispielsweise ein neues Getränk auf den Markt bringen möchte, und ganz viele Fragen hat. Womit er nicht gerechnet hatte: Qyuzu verkauft sich in Spanien gut. Das hängt auch damit zusammen, dass die Spanier derzeit eine große Vorliebe für Gin haben – und Knieperts Tonic Water passt hervorragend zu Gin. In der Zwischenzeit gibt es Qyuzu auch in Frankreich und Deutschland.

Wo Tropextrakt mitmischt
Wo Tropextrakt mitmischt

„Wenn man sich einmal einen Vertriebsweg geöffnet hat, sollte man diese Tür offen halten“, sagt Ingo Kniepert, der mit Lisa Kilian und der Kollegin Edyta Bania aus der polnischen Tochtergesellschaft Tropextrakt Polska darum schon über neue Kreationen nachdenkt. „Wir wollen die Dynamik im Getränkemarkt ausnutzen“, sagt Kniepert. „Schließlich kann man theoretisch in vier bis sechs Wochen ein neues Getränk auf den Markt bringen.“ Auch unbekannte Früchte gibt es noch genügend. „Wir sind darum selbst schon ganz gespannt, was wir als nächstes anbieten können.“

Tropextrakt hat mir vier Dosen Qyuzu zum Testen überlassen, mein Mittagessen und die Zugfahrt von Köln nach Frankfurt in der zweiten Klasse mit BahnCard 50 bezahlt.

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