Hamburg: Bauernstuben im Altonaer Museum

Tür mit Intarsien im Altonaer Museum
Tür mit Intarsien

Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet: Ich stehe vor einem Bauernhaus, reetgedeckt, davor eine Kutsche mit hohen Rädern – und zwar mitten im Altonaer Museum. Geht man durch das große Eingangstür, betritt man einen großen Raum, links, hinter der Holztür mit den Namen der Besitzer als Intarsien geht die gute Stube ab, die Wände sind blau gefliest. In der großen Halle ist die ehemalige Feuerstelle, an der früher gekocht wurde. Dunkel ist es im Haus, und genau so war es damals, als noch Menschen hier lebten. Denn Strom gab es damals natürlich nicht.

Das Altonaer Museum wäre mir zugegebenermaßen nicht als erstes eingefallen, wenn ich überlege, was ich bei einem Städtetrip in Hamburg denn unternehmen könnte. Es ist eher der Zufall, der mich in den schmucklosen Bau mit der Glasfassade, nur wenige Meter vom Bahnhof Altona entfernt, führt. Denn dort, wo die norddeutsche Geschichte dokumentiert wird, fand 2018 die Social Media Week statt: Unter dem ernsten Blick der hölzernen Galionsfiguren an den Wänden des Saals diskutierten die Teilnehmer die modernsten Trends in der digitalen Welt. Was für eine Diskrepanz!

Von der digitalen Welt in die norddeutsche Vergangenheit

Ich nutzte eine Pause zwischen den vielen Informationen zu Instagram, Filterblasen und Hololens, um mir das Museum einmal näher anzusehen. Und das hat sich gelohnt. Denn so stand ich ziemlich überraschend vor diesem Bauernhaus, das aber nur der Auftakt war zu noch viel mehr: Im Altonaer Museum gibt es nämlich 17 Bauernstuben, in die man eintritt, sobald man durch die normalen Türen den Raum wechselt: dunkle Holzvertäfelung, eine Babywiege mit rot-karierten Kissen, ein Kachelofen mit blauen Motiven auf weißem Hintergrund. Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, und bin froh, dass ich den Weg in dieses Geschoss gefunden habe. Denn weiter unten im Haus waren Exponate, die mich nicht wirklich begeisterten. Dort geht es zum Beispiel um die Geschichte Altonas und des Hafens und um die Schifffahrt. Nicht, dass das nicht interessant wäre, aber mir fehlt der nötige Lokalpatriotismus, um mich dafür zu begeistern.

Dafür gerate ich ganz oben nochmals in Entzücken, denn dort ist ein Krämerladen nachgebaut, wie ich ihn noch aus frühester Kindheit kenne: Regale mit einem begrenzten Warenangebot, und Haken, an denen beispielsweise Spülbürsten mit Holzgriff in Bündeln hängen.

Medienpädagogik in der Wunderkammer des Altonaer Museums

Am ersten Tag der Social Media Week lerne ich außerdem die Wunderkammer kennen. Dorthin führen uns die Museumsmitarbeiter bei einem Social Media Walk, um uns die Systematik des Raumes zu erklären: Hier ist Anfassen erlaubt, sogar erwünscht. Und künftig sollen Besucher sogar Dinge mit in die Wunderkammer bringen dürfen, die schon heute voll ist mit kleinen Schätzen. Ein Barbiepuppe mit wallender Mähne auf einem Roller, ein Miniatur-Schulzimmer aus Holzmöbeln, eine Puppenküche oder Tonpfeifen von einem Dambedei, im Hochdeutschen Stutenkerl genannt.

Künftig, wenn Besucher ihre eigenen Schätze mitbringen, wird das Einfluss auf die Ordnung im Raum haben. Denn dann dürfen sie ihre Mitbringsel dort einsortieren, wo sie mögen, und dabei Exponate, die schon länger da sind umsortieren. Sie müssen allerdings begründen können, warum sie so handeln. Ist eine Gruppe zusammen im Raum, kann so eine Diskussion entstehen, bei der die Teilnehmer lernen, dass ihre Sicht der Dinge nicht absolut sein muss, dass es zwischen Schwarz und Weiß unzählige Grauabstufungen gibt. Und damit sind wir wieder bei den sozialen Medien: Würden alle, die bei Facebook, Google+ und Twitter ihre Hasskommentare verbreiten, einmal in der Wunderkammer des Altonaer Museums vorbeischauen, würden sie vielleicht lernen, dass man unterschiedlicher Meinung sein kann, ohne dass davon die Welt gleich untergehen muss.

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