Überraschende Situationen in China

Logisch: Wer nach China reist, weiß, dass ihn dort eine andere Kultur erwartet. Das ist letztlich auch der Sinn des Reisens: Eintauchen in etwas Neues, in etwas Fremdes. In zweieinhalb Wochen in Beijing, Qingdao, Shanghai, Suzhou, Hangzhou und Guangzhou sind mir mehrfach Dinge aufgefallen, die mir merkwürdig im wahrsten Sinne des Wortes vorkamen:

  • Auf der Damentoilette lässt man gerne die Tür offen, während man sein Geschäft verrichtet. Das mag damit zusammenhängen, dass es in den Toiletten ziemlich dunkel ist. Wer also auf der Suche nach einer leeren Toilette ist, sollte eher vorsichtig eine halboffene Tür anstupsen. Gut und gleichzeitig gewöhnungsbedürftig ist in diesem Fall, wenn die Damen auf der Toilette telefonieren – dann wissen andere Frauen wenigstens, welche Box besetzt ist. Übrigens gibt es auf öffentlichen Toiletten nur sehr selten Klopapier.
  • Die Sprachbarriere ist viel höher als erwartet. Folge: Man kommt kaum mit den Leuten ins Gespräch, wenn man kein Chinesisch spricht. In Hongkong kommt man zwar gut durch, in Shanghai ist es jedoch schon schwieriger. Und in Beijing und Qingdao sind Chinesisch-Kenntnisse sehr hilfreich. Im Zweifelsfall wird es sonst beispielsweise schwierig, ein Restaurant zu finden, beziehungsweise ein Gericht auszuwählen. Ganz zu schweigen von der Kommunikation mit Taxi-oder Busfahrern.
  • Es wird viel und hartnäckig gebettelt. Manchmal wird man dabei berührt, oder der Bettelnde kniet sich nieder. Weniger aufdringlich war in Shanghai ein alter Mann, klein, nur Haut und Knochen, der ein Brett auf Rädern durch eine schmale Gasse schob. Darauf lag ein jüngerer Mann ohne Füße, bewegungslos, apathischer Gesichtsausdruck. Auf dem Brett stand außerdem eine Metallschüssel, in die Passanten Kleingeld warfen, sowie ein Radio, aus dem leise fernöstliche Musik kam. Einige Straßen weiter lag eine alte Frau auf dem Bauch auf dem Bürgersteig, Arme und Beine merkwürdig abgewinkelt, den Kopf auf einen gefüllten Sack gelegt. Ich bin ziemlich sicher, dass sie dort nicht alleine hinkam, und frage mich, wer sie dort abgelegt hat. Nach der Mittagspause sieht man neben Bettlern übrigens oft Türme aus Styroporboxen: Die Angestellten der großen Banken und Firmen lassen sich die Reste ihres Mittagsessens einpacken und stellen es dann häufig bei den Bedürftigen ab.
  • Viele Servicekräfte wirken gelangweilt oder sind unfreundlich. Sowohl im Restaurant, als auch im Hotel, im Supermarkt, in der Touristeninformation oder an der Sicherheitskontrolle der Bahn. Man hat häufig das Gefühl, sie zu stören. Es wäre zu einfach und auch falsch, das mit Kommunismus zu begründen. Schließlich gibt es auch in Deutschland Servicekräfte, die nicht kundenorientiert sind, in Vietnam oder auf Kuba dagegen sehr freundliche Service-Mitarbeiter. Woran mag diese auffällige Häufung in China liegen?
  • Sehr viele Protagonisten auf Werbeplakaten oder auf Verhaltensanweisungen in der U-Bahn sind weiß, blond und blauäugig. Das stärkt nicht gerade die Identifikation der Chinesen mit ihnen und schafft zusätzlich ein unerreichbares Schönheitsideal.
  • Das Aussteigen aus der U-Bahn ist häufig ein Kampf, weil die Einsteigenden hineindrücken, bevor andere Reisende ausgestiegen sind. Dabei ist der Ein- und Aussteigevorgang auf dem Boden der Bahnsteige genau durch Bilder erklärt.
  • Autofahrer haben die Macht auf der Straße. Sie parken, wo sie wollen, gerne auf dem Bürgersteig. Folge: Die Fußgänger gehen auf der Straße und werden dort angehupt. Übrigens auch, wenn sie auf dem Zebrastreifen und bei grüner Fußgängerampel die Straße überqueren, während ein Auto rechts abbiegen will. Dieses Problem wird sich in den kommenden zehn Jahren sicherlich potenzieren, da immer mehr Menschen ein Auto haben werden. Ich bin gespannt, wie die Regierung die Situation lösen wird.

Cover: eBook China
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2 Kommentare auch kommentieren

  1. Das sind interessante punkte, die Du hier aufführst. Ich als erfahrene China-Reisende sehe sowas kaum noch. Mir fällt da eher auf, dass der Service in Hotels und Restaurants sehr viel freundlicher geworden ist in den letzten Jahren. Und dass man heutzutage sehr viel besser mit Englisch durchkommt als noch vor 10 Jahren.

    Danke für’s Augen öffnen!
    LG
    Ulrike

    1. BettinaBlass sagt:

      Wahnsinn! Du reist seit zehn Jahren durch China? Das muss damals noch sehr viel schräger gewesen sein, als es heute ist …

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