Teutoburger Wald: Kneippen in Bad Wünnenberg

Schlammschlacht
Schlammschlacht

Es ist ein Septembertag, der sich wie November anfühlt. Und ich bin eine Frostbeule. Bei diesem Wetter die Schuhe auszuziehen und über den Barfußpfad auf kalten Steinen und durch sehr frisches Wasser in Bad Wünnenberg im Teutoburger Wald zu gehen – die Vorstellung begeistert mich nicht. Ist da die Erkältung nicht vorprogrammiert? „Nein“, sagt Alexa Schulte, Physiotherapeutin und Sebastian-Kneipp-Expertin. „Wenn es kalt ist, ist der Reiz auf den Körper und für die Organe größer und somit ist die Wirkung höher.“ Also: perfektes Kneipp-Wetter! Dann also Schuhe aus und los: Durch Sand, über feine Kiesel, über Holz und schmerzhaft harte und raue Lavasteinchen bis zum Schlammbecken. Dort muss ich mich auf meine Füße verlassen: Ich kann den Boden nicht sehen. Sie ertasten ihn sich vorsichtig, immer auf der Suche nach festem Halt. Der Schlamm ist weich, fast seidig, und wir gehen mitten durch, ohne uns Gedanken zu machen über Schuhe und Kleidung, fast wie früher, als ich als Kind oft dreckverschmiert vom Toben in Wald und Wiese nach Hause kam.

Die Kneipp-Therapie

5 Säulen sind es, auf denen der Therapieansatz von Sebastian Kneipp beruht: Wasser, Bewegung, Ernährung, innere Ordnung und Wildkräuter. Bei der Bewegung geht es nicht etwa um Spitzensportler: „20 Minuten Spazierengehen an der frischen Luft hilft schon viel“, sagt Alexa. Mit „Wasser“ ist gemeint, dass man in Tretbecken die Hosen hochkrempelt, und im Storchenschritt hindurch geht. Je unangenehmer das ist, desto wichtiger ist die bewusste Ausatmung, das langsame Gehen, das Vertrauen darauf, dass der Fuß den Körper ausbalanciert und den Schmerzen ausweicht, sagt Alexa. Aber auch Barfußgehen so of wie möglich hilft dabei, gesund zu bleiben. Geht es um Ernährung, sollte das Essen möglichst oft frisch zubereitet werden, bevorzugt mit Produkten aus der Region, die ökologisch angebaut werden. Die Wildkräuter werden nach Kneipp weniger als Arzneimittel eingesetzt, sondern als Präventivmaßnahme. Unter „innere Ordnung“ versteh man regelmäßige Pausen im Alltag, einen Tag-Nacht-Rhythmus und Achtsamkeit mit sich selbst. Sebastian Kneipp kam übrigens aus Süddeutschland und war Hydrotherapeut und Naturheilkundler. Er lebte von 1821 bis 1897.

Weiter geht’s auf der Ein-Kilometer-Strecke durch einen Bachlauf und über unangenehme Kiesel bis zu großen Steinen, über denen sich das Fußgewölbe ungewohnt dehnt. Dann sind wir zurück am Ausgangspunkt. Schon als ich dir Strümpfe anziehe, bemerke ich, wie warm meine Füße von innen sind. Ein fantastisches und ungewohntes Gefühl, das noch gut einen Tag anhalten wird. Alexa lässt mich drei Übungen wiederholen, die ich bereits zu Beginn gemacht hatte: Nach dem kurzen Spaziergang trete ich zumindest links weicher auf als zuvor, ich komme mit gestreckten Knien besser mit den Händen auf den Boden, und ich stehe sicherer auf nur einem Bein. Ich bin nach dieser kostenlosen Fußreflexzonenmassage im Kurpark in Bad Wünnenberg begeistert.

Wildkräuter helfen beim Entgiften

Alexa hat eine Zusatzausbildung als Phytotherapeutin. Sie kennt sich also mit den Heilkräften von Pflanzen aus. Gemeinsam sammeln wir darum nach dem Barfußgehen Brennnesselblätter, Giersch, Spitzwegerich, Malvenblüten und -samenkapseln. Wir schneiden alles klein, mischen einen Teil unter Quark, Sahne und Leinsamenöl. Die rohen Brennnesseln bearbeiten wie mit dem Backholz, schneiden sie klein und mischen sie mit Walnüssen und viel Olivenöl. Das Ergebnis ist ein herzhaftes Pesto. Nicht nur köstlich, sondern vermutlich auch gesund. Alexa mischt auch gerne Malvenblüten und Scharfgarben ins Wasser. Das sieht hübsch aus und soll gegen einen rauen Hals gut sein.

Was man sonst noch in Bad Wünnenberg im Kurpark machen kann

Tipp: Wer sowieso schon im Kurpark ist, sollte noch bei den Wildtieren vorbeigehen: Rehe, Auerochsen oder Ziegen leben im Tiergehege. Manche kommen gerne an den Zaun, wenn sie Futter vermuten. Wer den Weg weiter geht, kommt bis zur Staumauer der Aabachtalsperre. Den Hang hinauf und dann durch den Wald erreicht man über die Straße den Süßwassersee, der ein beliebtes Ziel für Radfahrer und Inliner ist. Oder man bleibt unten auf dem Weg und kehrt so auf der anderen Seite des Tals zurück zum Park.

Bad Wünnenberg hat rund 12.500 Einwohner und ein Vielfaches an Gästen: 2016 gab es 22.891 Gästeankünfte, davon kamen etwa 9.400 aus den Niederlanden, sagte mir Meike Lippegaus vom der Bad Wünnenberg Touristik. Außerdem gab es fast 132.000 Übernachtungen in Häusern mit mehr als 9 Betten. Gäste, die beispielsweise in einer Ferienwohnung mit nur zwei Betten übernachten, werden bei dieser Statistik also nicht erfasst. Viele Besucher in Bad Wünnenberg begleiten ihre Angehörigen, die zur Reha in der Aatalklinik sind. Dort ist man auf neurologische Krankheiten spezialisiert. Häufig werden hier Schlaganfallpatienten behandelt. Bad Wünnenberg ist seit 1972 Kurort. Seit 1999 ist es Kneipp-Heilbad – derzeit das einzige in Ostwestfalen-Lippe.

Den Barfußpfad kann man alleine machen. Spezielle Angebote rund um Kneipp bucht man über Bad Wünnenberg Touristik. Ich habe für das so genannte Rendez-vous mit Kneipp und den anschließenden Wildkräuterworkshop im Rahmen der #TeutoBloggerWG nichts bezahlt.

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