Notfall im Sternerestaurant

Notarzteinsatz im Sternerestaurant
Notarzteinsatz im Sternerestaurant

Nein, es sieht nicht so gediegen aus, wie man sich ein Sternerestaurant vorstellt. Es ist bunt und gemütlich, nicht steif. Dementsprechend sind auch die Besucher etwas lockerer. Kaum einer trägt Sakko, Krawatten schon gar nicht. Uns gegenüber sitzt eine Familie: Die Söhne sind Teenager, dürfen aber bereits am Wein nippen. Die Frau hat raspelkurze hellblonde Haare, ihre Arme sind tätowiert. Die Uhr am Handgelenk des Mannes ist teuer, sehr teuer. Auch zwei Männer teilen einen Tisch, weiter vorne sitzt noch ein Paar, das unglücklich wirkt. Wir warten auf unseren Nachtisch, es ist schon gegen 21 Uhr, als noch ein Paar hereinkommt.

Was ist das, frage ich mich, als ich die beiden sehe. Wenn es nicht Vater und Tochter sind, ist es entweder eine Beziehung mit sehr großem Altersunterschied. Oder der Herr hat sich eine junge Begleitung für einen Abend gesucht. „Ist er vielleicht ein Sugar Daddy?“, frage ich mich. An den Augen meiner Begleitung sehe ich, dass er das Paar auch ungewöhnlich findet. Doch als wir später über die beiden reden, kann er sich nur noch daran erinnern, dass die Frau lange Beine hatte. Sehr lange Beine.

Obwohl im vorderen Teil des Restaurants noch zwei Tische frei sind, gehen die beiden in eine Art Separée: Dort steht ein Tisch hinter einem Pfeiler. Man sitzt in dieser Ecke sehr geschützt vor den Augen der anderen. Warum auch nicht, denke ich. Ich habe dort auch schon einige Male gesessen.

Zwar ist die Atmosphäre im Restaurant locker, doch es ist eher ruhig, die Gäste sind auf ihr perfektes Dinner konzentriert. Ab und zu hört man wohl Wortfetzen oder ein leises Lachen, doch richtig laut ist es an keinem Tisch. Als wir unseren Nachtisch vor uns haben, hören wir jedoch plötzlich ein lautes Lachen. Es klingt wollüstig, und es kommt aus der versteckten Nische. Mein Gegenüber und ich schauen uns an. Auch am Nachbartisch runzeln die Eltern die Stirn. Ein zweites lautes Lachen erfüllt den Raum. Der ältere Junge am Nachbartisch flüstert seiner Mutter zu: „Was machen die da?“. Sie antwortet:“Das will ich gar nicht so genau wissen.“ Ich drehe den Kopf leicht nach links und sehe den Mann im Anschnitt. Er sitzt sehr gerade, die Hände offensichtlich auf dem Tisch, die Füße unter dem Stuhl.

„Soll ich einen Arzt rufen?“

Die kleine Bedienung geht mit hochgezogenen Augenbrauen in die Ecke, ich sehe, wie sie sich vornüberbeugt, eine ungewöhnliche Haltung. Dann ruft sie quer durch den Raum:“Kann sich die Dame irgendwo hinlegen?“ – „Wo denn?“, ruft der Chef zurück. „Wir haben hier keine Möglichkeit zum Liegen. Soll ich einen Arzt rufen?“ – „Ja“, antwortet die Bedienung, während der Chef schon mit dem Telefon in die Ecke eilt. Die Dame am Nebentisch springt auf, geht ebenfalls in die Ecke, kniet sich hin. „Wir brauchen Eis“, weist sie den Chef an. „Und ein Handtuch, das wir ihr in den Nacken legen können.“ Der Chef handelt und ruft dann den Notarzt. Die hellblonde Frau kniet noch immer in der Ecke, die Bedienung ist dort ebenfalls. Wir wollen möglichst diskret sein, bezahlen und raus, doch der Chef ist völlig durch den Wind, so dass sich der Bezahlvorgang verzögert. In der Zwischenzeit kommt der Koch ins Restaurant, die Küche hat jetzt geschlossen, er geht ebenfalls in die Ecke. „Heroin“, hören wir ihn sagen.

Wir zahlen endlich, verlassen verwirrt das Restaurant. Ein Krankenwagen mit Blaulicht und Martinshorn kommt angebraust, zwei Männer stürmen ins Restaurant. Heroin, denke ich. Wie soll sie das genommen haben? Eine Spritze gesetzt, im Restaurant? Geraucht haben kann sie es nicht. Gesnieft vielleicht? Möglicherweise war’s eher Kokain? Crystal Meth? Wir wissen es nicht. Es ist eines der seltsamen Erlebnisse, für die man nie eine Erklärung bekommen wird. Fest steht nur, dass man auch im Sternerestaurant sehr merkwürdige Dinge erleben kann. Oder vielleicht gerade dort.

Wie das Essen war? Ach, das habe ich ganz vergessen über den ganzen Trubel. Na wie soll es schon gewesen sein? Hervorragend. Wie immer.

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