Meine kleine Ehrenfeld-Welt: Der Mann, der auf dem Balkon seine Fingernägel schnitt

Ehrenfeld
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Sonnntagmorgen, elf Uhr. Nach einem Lauf durch den Grüngürtel zum Aachener Weiher und zurück sitze ich bei einem späten Frühstück auf dem Balkon: ein Brötchen mit scharfer Paprikacrème, Lachs und Gurkenscheiben, ein kleines Schälchen Himbeermüsli mit Melonenstücken und schwarzen Johannisbeeren, ein Kaffee mit Milchschaum. Ich blicke in den Innenhof zwischen vielen Häusern, an denen noch mehr Balkone kleben. Im Innenhof ist ein runder Brunnen, hohe Bäume, einige Büsche, ein Kinderspielplatz. Drei Häuser entfernt von mir, auf der rechten Seite, betritt ein Mann seinen Balkon im zweiten Stock. Ich schätze ihn auf Mitte 50, sein Bauch quillt über den Bund der schwarzen Unterhose. Sie ist das einzige Kleidungsstück, das er trägt. Nun denn. Do mäht en Kölle keener an Fenster für op.

Der Mann hält etwas in der rechten Hand, ich kann nicht erkennen, was es ist, aber die Handbewegungen sind eindeutig: Er schneidet seine Fingernägel. Fein säuberlich zupft er jeden einzeln ab und lässt ihn dann über die Brüstung fallen. Zwei Stockwerke unter ihm ist eine kleine Rasenfläche und eine Terrasse. Ich weiß nicht, wer dort wohnt, kann mich auch nicht erinnern, dort schon jemals jemanden gesehen zu haben. Ich stelle mir trotzdem kurz vor, wie es wäre, wenn dort jetzt auch gerade jemand beim Frühstück säße.

Kurz ekle ich mich. Dann frühstücke ich weiter. Et is wie et is und jeder Jeck is anders.

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