In Köln redet man miteinander

Einladung
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Als ich in eines der schönen Ehrenfelder Cafés komme, bin ich überrascht. Es ist Donnerstag, 19 Uhr – und es ist kein einziger Tisch frei. Doof, denn ich habe mich hier mit einer Kollegin verabredet. Ich drehe schon fast auf dem Absatz um, um draußen auf die Dame zu warten, als eine junge Frau mich anspricht. Sie sitzt an einem Tischchen in der Mitte des Flurs. „Ich gehe gleich“, sagt sie. „Wenn Sie mögen, können Sie meinen Tisch übernehmen!“. Ausgesprochen nett, denke ich. Und setze mich zu ihr. Sie räumt ihre Papiere in die Tasche, die sie auf dem Tisch verteilt hatte und nippt an ihrem noch vollen Latte Macchiato. Was nun? Zwei Menschen, die sich nicht kennen, sitzen an einem Tisch zusammen. Redet man? Ignoriert man sich?

Ich versuche es mit reden und sage:“Hätte nicht gedacht, dass es unter der Woche und um diese Zeit so voll sein würde!“ – „Ich auch nicht“, sagt sie. „Wohnen Sie denn in Köln?“ – „Ja, sage ich, hier um die Ecke. Und Sie?“ – „Nein“, sagt sie. „Aber ich bin gerne hier. Mein Freund wohnt hier. Ich hole ihn gleich am Bahnhof ab“, sagt sie und nickt mit dem Kopf Richting Bahnhof Ehrenfeld. „Danach gehen wir tanzen!“ – „Unter der Woche?“, frage ich etwas erstaunt. „Ja“, sagt sie. Und dann erzählt sie mir, dass sie einen Tanzkurs macht mit ihrem Freund, Swing tanzen die beiden an der Uni. Überhaupt sei Swing die schönste Musik, die sie sich vorstellen könne, denn sie mache so gute Laune. Und außerdem sei es super, dass ihr Freund mit ihr gemeinsam tanzt. Wir plauschen noch darüber, dass es oft gar nicht so einfach ist, sich führen zu lassen beim Tanz als Frau. Und darüber, ob gemeinsamer Tanz die Partnerschaft stärkt oder nicht.

Dann hat sie ihren Kaffee ausgetrunken.

Sie wühlt in ihrer Tasche, drückt mir eine Einladung in die Hand. Vielleicht hätte ich ja Lust, am nächsten Abend in der alten Feuerwache vorbeizukommen, sie habe da eine Performance. Und überhaupt gebe es da auch eine ganz wunderbare Ausstellung. Ich bin verblüfft. So etwas gibt es nur in Köln, denke ich. Man setzt sich zu einem fremden Menschen an den Tisch und nach 15 Minuten ist es, als ob man seit vielen Jahren befreundet wäre. Tja. Zur Performance bin ich aber nicht gegangen, obwohl es mich wirklich interessiert hat. Aber ich war für den kommenden Abend schon verabredet.

Die Geschichte habe ich seither schon vielen Leuten erzählt. Weil ich sie schön finde. Wir hätten schließlich auch beide die Wartezeit mit unseren Smartphones verbringen können. Dann hätte ich aber nicht so viel über Swing erfahren.

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