Großstadtleben: Zuviel Aggression an einem Sonntagmorgen

Sonntagmorgen. Blauer Himmel, aber kalt. Wunderbar, ein ganzer freier Tag, vor uns eine Vier-Tage-Woche. Wir gehen frühstücken, kommen danach am Dom vorbei, just als dort eine Prozession einzieht. Es ist Palmsonntag, alles ist ruhig und friedlich, ein bisschen, als ob Köln noch nicht wach sei. Das ändert sich sehr plötzlich, als wir nach unserem Spaziergang durch die Stadt die Kreuzung Innere Kanalstraße/Venloer überqueren.

Es hupt, ich schaue auf, sehe ein weißes großes Auto sehr nah an einem Fahrradfahrer. Was dann passiert, geht schnell. Der Fahrradfahrer schmeißt sein Rennrad auf die Straße und geht auf die Fahrertür des Autos zu. Der Verkehr kommt ins Stocken, die Kreuzung ist blockiert. Die Fahrertür geht auf, der Fahrer springt heraus und geht sofort auf den Fahrradfahrer los. Er boxt, er tritt, der Fahrradfahrer fällt hin. „Es reicht!“, denke ich, während wir in die Kreuzung rennen, „Hey!“ schreien, „Hey, hey, hey!“. Es soll aufhören, doch das tut es nicht. Mehr Menschen kommen auf die Kreuzung.

In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken, während sich die kurze Strecke zum Auto und den beiden Männern wie Kaugummi zu dehnen scheint. Ich habe das Gefühl, ich komme nicht voran, klebe am Asphalt fest, habe Angst, dass der Autofahrer den Radfahrer krankenhausreif schlägt und wir nicht helfen können. Ich sehe, wie ein Mann zwischen die beiden geht, ein zweiter kommt dazu. Ich mache ein Foto vom Auto, weil ich denke, der Autofahrer haut gleich ab, was er jedoch nicht tut.

Wir gehen auf den Bürgersteig, eine junge Frau fragt, ob wir die Polizei gerufen haben, nein, sage ich, sie zögert noch, als ich schon wähle. Denn ich sehe, dass auf der Kreuzung noch immer Chaos ist, der Autofahrer sich nicht beruhigen kann. Die Frau des Autofahrers fährt mit dem Auto einmal um den Block, die Kreuzung ist wieder frei, der Autofahrer geht direkt auf mich zu, er sieht harmlos aus. Der Fahrradfahrer steht mit blutender Nase und seinem Fahrrad auf dem Mittelstreifen. Ein Polizist kommt mit seinem Motorrad.

Eine Frau, die auf ihrem Rad genau hinter dem Rennfahrer war, macht eine Zeugenaussage. Ein jüngeres Pärchen, das mit dem Auto aus der Gegenrichtung kam, das Auto am Straßenrand abstellte und sofort dazwischen ging, sagt aus. Ein Mann, den ich in dem ganzen Tumult gar nicht wahrgenommen hatte. Wir. Das Ganze ist jetzt über eine Stunde her. Ich bin noch immer entsetzt. Über so viel Aggression. Darüber, wie schnell eine Situation eskalieren kann. Und darüber, wie schnell man in eine solche Sache verwickelt wird. Aber ich freue mich auch. Ein bisschen. Darüber, dass viele Leute sofort eingegriffen haben. Kölner lassen keinen allein.

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