Großstadtleben: „Der fand mich zum Kotzen“

Sei kein Arschloch
Sei kein Arschloch

Die Linie 13 ist nicht besonders voll, als wir am Samstagabend gegen Viertel vor 11 an der Gleueler Straße einsteigen, um Richtung Ehrenfeld zu fahren. Zwischen den Sitzen im vorderen Teil des Wagens steht eine leere Weinflasche, wir gehen etwas weiter Richtung Fahrkartenautomat. Auf der zum Gang parallelen Sitzbank rechts liegt ein Mann mit angezogenen Beinen. Ich sehe eine schwarze Hose, eine schwarze Jacke, ein nahezu kahlrasierter Kopf. Der Mann schläft tief und fest, doch ich möchte nicht in seiner Nähe sitzen. Wir gehen darum noch weiter nach hinten.

Kaum sitzen wir, kommen zwei junge Männer zu uns, die zweite Fahrkartenkontrolle an diesem Abend. Beide Männer sind gut trainiert, braunhaarig und tragen Vollbärte. Zu ihnen kommen von hinten zwei weitere hinzu, ebenfalls sportliche Figuren, auch mit Vollbart, einer mit dunklerem Teint. Sie stehen etwas ratlos vor dem schlafenden Mann: „Hallo!“ Nichts. „Hallo, Sie da, hallo!“ Nichts. „Fahrkartenkontrolle, hallo, aufwachen!“ Nichts. Einer der Kontrolleure stupst den schlafenden Mann vorsichtig mit seinem Gerät an. Der hebt den Kopf. Der Kontrolleur sagt sehr freundlich zu ihm: „Das ist kein Platz zum Schlafen! Haben Sie einen Fahrschein?“. Der Mann setzt sich auf, stiert vor sich hin. „Haben Sie einen Fahrschein? Ist das Ihr Handy? Ist das Ihr Handy da links? Handy nicht vergessen! Hören Sie mich?“. Der Mann ist weiß im Gesicht, sagt nichts, stiert vor sich hin. Als er sitzt, sieht man, wie schmächtig er ist. Er scheint in der weiten Jacke und der ebenso weiten Hose fast zu verschwinden. Über seinem Hemd trägt er eine schmale, dunkle Krawatte.

Das Handy hält er in der Hand, doch es droht ihm zu entgleiten. „Stecken Sie Ihr Handy ein!“, sagt der KVB-Kontrolleur. „Stecken Sie es in die Tasche ihrer Jacke, genau, dorthin. Machen Sie die Tasche zu, hören Sie mich? Die nehmen Ihnen das Handy sonst ganz schnell weg da draußen.“ Der Mann starrt vor sich hin und versucht ungelenk die Tasche zu schließen. Sein Oberkörper beugt sich immer weiter nach Vorne, fast will er vom Sitz fallen. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragt der Kontrolleur. „Und haben Sie einen Fahrschein?“. Keine Reaktion.

Die Bahn hält an der Haltestelle Aachener Straße/Gürtel. Die Tür geht auf. Der Mann stürzt aus der Bahn, hängt sich über das Geländer der Haltstelle und übergibt sich. Während er so hängt, sieht man, dass er an seinem Gürtel drei Taschen befestigt hat, die normalerweise von der weiten Jacke verborgen sind. Eine Gürteltasche ist flach und rechteckig, die andere ist quadratisch und etwas größer. Die dritte hat eindeutig die Form eines etwa 20 Zentimeter langen Messers.

Die vier Kontrolleure schauen dem Mann irritiert nach. Die Tür schließt. Der farbige Kontrolleur sagt:“Das war doch sicher einer von Pegida. Der hat mich gesehen und musste erstmal kotzen.“ Das Gelächter ist groß in der Linie 13, die jetzt ohne weitere Zwischenfälle durch Ehrenfeld fährt.

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