Gelesen: Die Kunst zu reisen

Ein philosophisches Büchlein

In Hellblau kommt es ganz unscheinbar daher. Schwarz ist der Titel aufgedruckt, kein Autor, kein Foto auf dem Titel. Doch kaum öffnet man das Büchlein aus der Süddeutsche Zeitung Edition (Werbe-Link zu Amazon), wird klar, dass „Die Kunst zu reisen“ ein kleines Schmuckstück ist. Fast jedes der 30 Essays ist nämlich anders gestaltet. Mal gibt es bunte Bilder, mal eine andere Schrift, mal ist Platz da für die eigenen Gedanken, oder es wurden Rahmen auf den Seiten gesetzt. Die Vielfalt der Gestaltung steht tatsächlich auch für den Inhalt. So geht es auf den ersten Seiten darum, wie man sich eigentlich eine Reiseziel aussucht: Das, was einem selbst im Inneren am ehesten fehle, das suche man eigentlich im Urlaub. Darüber muss ich erst einmal nachdenken. Tatsächlich ist es so, dass ich an meinen Reisen in Südamerika sehr geschätzt habe, dass dort alles etwas chaotischer, ungeplanter, spontaner abläuft, als mein Leben zuhause ist. Jetzt bin ich aber älter geworden, und ich stelle fest, dass auch meine Reisen sich verändern. Sie sind meistens ziemlich durchgeplant, dadurch aber auch viel ruhiger als früher. Und diese Ruhe, die fehlt mir in der Tat oft im Alltag. 

Die Kunst zu reisen beginnt mit der Wahl des Urlaubsortes

“Die Kunst zu reisen” macht nachdenklich

Allerdings ist es oft gar nicht so, dass ich mir gezielt ein Urlaubsland aussuche. Ich möchte zwar irgendwann nach Myanmar, nach Chile oder Südindien. Mit dem Fahrrad und dem Boot in die Niederlande oder zu Fuß auf Genusstour über die Alpen. Aber tatsächlich habe ich in den vergangenen Jahren oft Reisen über Secret Escapes oder Veepee gekauft. Dort schaue ich, was im Angebot ist, und wenn das von der Zeit, vom Ziel und vom Preis passt, dann buche ich die Reise, auch wenn sie nicht in eines meiner Traumländer führt. So habe ich immerhin festgestellt, dass Gran Canaria außerhalb der Touristenorte recht nett ist. So bin ich auch nach Abu Dhabi gekommen oder in diesem Jahr nach Jersey. Man könnte also sagen: Die Reisen kommen zu mir. Und ich mag das.

Es ist auch eine Kunst, im Urlaub glücklich zu sein

Ungewöhnliche Gestaltung

Erfreulicherweise habe ich überhaupt keine Probleme damit, glückliche Momente zu genießen. Mich macht glücklich, wenn ich viel Zeit mit meinem Mann verbringen darf, wenn ich mir den Tag frei einteilen kann, ohne dass ich Abgabetermine oder Artikellängen beachten muss. Mich macht glücklich, Neues über ein Land und seine Bewohner zu lernen, über ihre Mentalität und Geschichte. Wenn ich durch die Natur laufe und Vögel zwitschern höre, oder wenn ich im Chaos einer Großstadt versuche, den Überblick zu behalten. Und auch gutes Essen und Trinken sind für mich glückliche Momente. Allerdings fällt es mir schwerer als früher, von jetzt auf sofort abzuschalten. War ich früher am Flughafen, lag die Arbeit hinter mir. Heute denke ich noch über viele Dinge nach, und ich brauche bestimmt drei Tage, um in einen anderen Rhythmus zu kommen. Bei einem Urlaub von nur einer Woche ist das leider viel zu lang.

Reisen ist nicht nur eine Kunst, es formt auch Menschen

Meine Lieblingsseite

Ein Essay in die „Kunst zu reisen“ gefällt mir besonders gut. Darin geht es darum, dass man beim Reisen lernt, mit ungewöhnlichen Situationen umzugehen. Dass es das Selbstbewusstsein stärkt und uns zu dem Menschen werden lässt, der wir sind. Ich finde das insbesondere wichtig in Hinblick auf die Diskussion zum Klimawandel und die Forderung, weniger zu fliegen. Wie immer gibt es nicht nur schwarz und weiß in dieser Diskussion. Sehen wir einmal davon ab, dass es viele Schwellen- und Entwicklungsländer gibt, die auf Tourismus angewiesen sind, geht es auch um die Frage, wie man seinen Horizont erweitert. Natürlich kann man auch nur dahin reisen, wo der Zug einen hinbringt. Aber: Das wird vermutlich Europa sein. Fast alle Länder in Europa nutzen aber dieselbe Schrift, fast überall kommt man mit Englisch gut durch. Eine echte Herausforderung ist das also nicht. Wer einmal in einem chinesischen Waschsalon stand und lernen musste, wie hilflos man ist, wenn man nicht miteinander reden kann, und der Gegenüber die Zeichensprache nicht versteht, wird wissen, was ich meine. Oder wer an einem lateinamerikanischen Geldautomaten schon verzweifelt ist, weil er die Anweisungen nicht verstanden hat, und sich dann auf der Straße die vertrauenswürdigste Person ausgesucht hat, um mit ihrer Unterstützung an Bargeld zu kommen, das dringend benötigt wurde. Oder wer schon stundenlang durch eine chinesische Kleinstadt geirrt ist auf der Suche nach Essen, aber kein Restaurant gefunden hat, und sich schließlich über Gutscheine für McDonald‘s gefreut hat, weil dort vermeintlich das Produkt aufgedruckt war. Die Überraschung war groß, als etwas ganz anderes geliefert wurde, dafür aber dreimal so viel, wie gedacht. Im Nachhinein sind diese Situationen lustig. Während wir sie bewältigen, lernen wir viel: Stressresistenz, interkulturelle Kompetenz, Problemlösungsstrategien und noch viel mehr. 

Die Kunst, Menschen beim Reisen zu treffen, die authentisch sind

Die kürzeste Reise: ein Spaziergang (Fotocollage)

Essay Nummer 13 dreht sich darum, dass wir immer nur Gebäude, Museen und Landschaften, aber nie Menschen im Urlaub erleben. Das kann ich nicht bestätigen. Ich nutze jede Möglichkeit, mich mit Menschen länger zu unterhalten. Das sind häufig bleibende Erinnerungen: Der Uberfahrer im ägyptischen Sahl Hasheesh, der mir erzählt hat, wie er versucht, seit der Krise seine Familie zu ernähren. Oder der junge Mann in SaPa, Vietnam, auf dem Marktplatz, der mir erzählte, dass er unbedingt nach Europa will, und Geld für einen Schlepper spart, obwohl er Geschichten kennt, die völlig daneben gingen. Oder die Bedienung auf einem Kreuzfahrtschiff, die dort so viel mehr verdient, als zuhause. Trotz dieser Gespräche schaue ich mir auch gerne Museen und Kirchen, Städte und Dörfer an. Davon abgesehen kann man bereits Einheimische über das Netz buchen. Beispielsweise in Frankreich lässt man sich von Greetern durch die Stadt führen – ein System mit Macken, wie ich finde. Timo bucht über Airbnb gerne Aktivitäten mit Privatleuten und hatte so in Israel ein tolles Erlebnis beim Abendessen. Ich frage mich, ob Einheimische, die sich auf diese Weise buchen lassen, nicht auch Teil der Tourismusindustrie werden, und vielleicht gar nicht mehr so authentisch sind, wie der Mann oder die Frau, die man im Supermarkt trifft oder in einem Café. Auch hier gibt es eben nicht nur schwarz und weiß. 

Was darf er kosten, der Urlaub – und wann ist er gelungen?

Spannend ist außerdem die Frage, wie teuer ein Urlaub eigentlich sein muss, damit wir glücklich sind. Klar ist: Glück kann man sich nicht kaufen. Und darum ist ein billiger Urlaub nicht zwingend schlecht. Obwohl das Schiff auf dem Nil eigentlich eine Katastrophe war, war ich dort ziemlich glücklich. Unglücklich wurde ich erst, als der Reiseveranstalter mich in Kairo im falschen Hotel unterbrachte, und ich keine Chance mehr hatte, in Ägyptens Hauptstadt einzutauchen. Trotzdem finde ich mit zunehmendem Alter auch ein bisschen Luxus im Urlaub nicht ganz schlecht. In einem Hostel für unter zehn Dollar die Nacht würde ich nicht mehr übernachten wollen. Das habe ich lange genug gemacht. Und darum ist die Frage nach der richtigen Summe für einen Urlaub wahrscheinlich nur sehr individuell zu beantworten.

Langer Rede kurzer Sinn: Die 122 Seiten könnte man locker an einem Tag durchlesen. Allerdings würde das wenig bringen, wahrscheinlich würde man so nur die Weisheit vieler Kapitel überlesen. Es lohnt sich, sich Zeit für das Buch zu nehmen, zu reflektieren, sich zu fragen, wie man es eigentlich selbst so hält beim Reisen. Dann kann das Büchlein einiges in Bewegung setzen. Und wer weiß, vielleicht wird der nächste Urlaub dadurch achtsamer und nachhaltiger.

Zum Weiterlesen: Sechs Fehler, die man im Urlaub machen kann.

Als Journalistin halte ich mich an den Pressekodex des Presserats. Der Verlag hat mir das Buch kostenlos zur Rezension überlassen.

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