Erinnerungen an Sapa, Vietnam

Wanderung in Sapa
Wanderung in Sapa

Es ist ziemlich genau sieben Jahre her, dass ich in Sapa, in den Bergen Vietnams war. Das weiß ich darum so genau, weil ich heute Morgen in meiner Twittertimeline einen Artikel über Sapa auf kofferpacken.at gelesen und dann nachgerechnet habe. Was in dem Artikel steht, glaube ich sofort, es hat aber mit meiner Erinnerung nichts zu tun. Das ist schade. Und darum schreibe ich sie hier auf.

Sapa war für mich der absolute Höhepunkt meiner Vietnamreise im Jahr 2007: Wir fuhren in einem kuscheligen Zug mit Speisewagen und recht bequemen Betten von Hanoi über Nacht in die Berge. Zwar hätte man dort einen Homestay in einer Familie machen können – wir wollten das aber nicht. Sapa war unser letztes Ziel vor dem Heimflug, und wir wollten uns ein wenig verwöhnen lassen. Darum hatten wir als Unterkunft ein Wellness-Hotel gebucht und waren im zugehörigen Zug gefahren.

Als wir ankamen, war es neblig, und das Grau wurde von Minute zu Minute undurchdringlicher. Man sah die Hand nicht vor Augen, nicht auf die andere Seite der Straße – und wir freuten uns über unser warmes, gemütliches Hotelzimmer. Zwei Stunden später, der Nebel hatte sich soweit verzogen, dass man sich auf die Straße wagen konnte, gingen wir Richtung Zentrum. Die Büsche am Straßenrand waren geziert mit Spinnennetzen, an denen die Nebeltröpfchen aufgereiht wie Perlen hingen. In der Mitte der Netze saßen jeweils bis zu handgroße Spinnen mit weit von sich gestreckten Beinen.

Es war ein Markttag und wir drängten mit wenigen Touristen und vielen Einheimischen durch zu enge Gänge, stiegen die Treppen hinauf zu einer Galerie um das Treiben von oben zu betrachten: Käufer und Verkäufer, Gemüse und Obst, Menschen, die feilschten oder einfach nur zu Mittag aßen. Die Einheimischen trugen ihre traditionelle Kleidung: schwarze Hosen und Röcke, schwarze Jacken mit bunten, aufgenähten Bändern, steife schwarze Hüte. Wir starten sie an, sie starten uns an. Wer war neugieriger auf den anderen? Wer die Attraktion? Kommunikation fand nicht statt.



Am Abend, im Hotel, setzte sich ein junger Mann zu uns an den Kamin. Er erzählte, dass er einen Homestay gemacht habe, dass er fünferlei Hund gegessen habe, dass er jetzt sehr krank sei und sich hier etwas erholen müsse. Eine Tochter der Familie, bei der er übernachtet hatte, holte ihn ab, fragte ihn nach seinem Handy, stellte sich in eine Ecke und telefonierte. Am nächsten Tag wanderten wir durch die Berge, Treppen hinauf und hinab, durch einen Bambuswald und vorbei an Wasserfällen und Reisterrassen, an Holzhütten mit Schweinen davor, an Kindern, die nur mit einem T-Shirt bekleidet auf den Treppen mit Macheten spielten. Es war ein Gang durch eine andere Zeit, durch eine unbekannte Welt. Uns kamen Familien entgegen, die uns nicht beachteten, niemand wollte uns etwas verkaufen oder aufdrängen, ein völlig entspannter Tag.

Zurück im Zentrum saßen wir in der Sonne, ein junger Mann gesellte sich zu uns. Er war in Plauderlaune und erzählte:

„Ah, aus Deutschland. Ein reiches Land, ein gutes Land. Es kostet 30.000 US-Dollar, nach Deutschland gebracht zu werden. Ich weiß, dass es gefährlich ist, dort illegal als Zigarettenverkäufer oder Kloputzer zu leben, aber ich würde gerne nach Deutschland gehen. Ich habe aber kein Geld. Freunde und Bekannte, die aus Deutschland zurückkommen, erzählen nur Gutes. Es ist einfach, dort schnell viel Geld zu verdienen. Aber es gibt auch eine Frau aus Sapa, die ihr Haus verkaufte und so genug Geld hatte, um nach Europa zu gehen. Dort kaufte sie sich einen Ehemann, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Doch der wollte wirklich ihr Ehemann sein – und ihn nicht nur spielen. Er hat sie gegen ihren Willen missbraucht. Und später auch seine Freunde dazu eingeladen. Dann kam die Behörde und überprüfte den Fall, das war ihr Glück – oder auch nicht. Die Behörde bemerkte die Scheinehe, und hat sie nach Vietnam zurückgeschickt. Jetzt ist sie wieder ins Sapa. Ohne Haus, ohne Geld, ohne alles. Ich möchte trotzdem irgendwann nach Deutschland gehen.“

Das sind meine Erinnerungen an Sapa. Allerdings war 2007 schon deutlich, dass sich das Land und somit auch diese Bergregion bald und schnell verändern würden: Während wir in unseren Überlandbussen von Süd nach Nord fuhren, wurde überall gebaut. Links und rechts entstanden riesige Hotelkomplexe. Und wir dachten damals schon, dass der Tourismus in Vietnam seine Hochzeit noch vor sich haben würde. Tatsächlich ist es wohl so gekommen. Ich bin froh, Vietnam noch so erlebt zu haben, wie es vor sieben Jahren war. Aber sicherlich hat es auch heute noch seinen Reiz und ist eine Reise wert.

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