Diebstahl? Die neue Ehrenfelder Mitnehmkultur

In Köln-Ehrenfeld steht seit einigen Wochen in der Körnerstraße eine Give-Box. Das Prinzip: Wer Dinge loswerden will, stellt sie dort ein, wer etwas braucht, nimmt es mit. Super Sache! Was für die Give Box gilt, hat an anderen Stellen jedoch mindestens einen Nachgeschmack. Oder auch nicht.

Heute ging ich die Lukasstraße entlang, an meinem Arm ein Einkaufskorb. In Gedanken schüttelte ich noch den Kopf über das, was mir Frau R. gerade erzählt hatte. Sie ist die gute Fee im Lukascarré, und ich traf sie im Treppenhaus. “Stellen Sie sich vor, Frau Blaß”, sagte sie, “letzte Woche hat mir doch jemand meine Putzutensilien aus dem Hausflur geklaut! Dabei war die Haustür zu!”. Der Dieb hatte einfach irgendwo geklingelt, jemand drückte die Tür auf, er nahm sich Eimer, Wischer und zwei Taschen und verschwand. Frau R., die gerade aus dem Fenster schaute, ließ einen lauten Schrei fahren, der Dieb die Putzutensilien fallen – und weg war er. Er hatte die Sachen einfach mitgenommen, standen da ja so rum, ohne erkennbaren Besitzer.

Diebstahl oder nur mitgenommen?

Während ich noch darüber nachdenke, nähere ich mich dem Supermarkt auf der Ecke Lukasstraße/Subbelrather Straße. Er ist mein Ziel. Ich bin echt froh, dass er da ist, denn so ist ein schneller Einkauf möglich. Mich nervt aber, dass er immer mehr Ware außerhalb seines Marktes auf den Bürgersteig stellt.

  1. ist das nicht schön,
  2. bleibt auch gerne mal Müll auf der Straße liegen,
  3. ist ein Durchkommen auf dem Bürgersteig spätestens dann schwierig, wenn einem jemand entgegen kommt.

Natürlich habe ich auch schon oft gedacht, dass die Ware vor dem Markt so unbeobachtet doch geradezu dazu einlädt, sie mitzunehmen. Ohne zu bezahlen. Aber, so dachte ich, die Videokameras werden Diebe sicher abhalten.

Drink doch eine met!

Als ich heute so auf den Markt zugehe, sehe ich einen alten Mann. Dürr wie ein Strohhalm, auf seinen Beinchen staksend und wankend. Er geht schnurstracks auf die Kölsch-Kästen vor dem Markt zu, nimmt sich eine, steckt sie tief in die Jackentasche, drückt den Arm dagegen, schaut sich schnell einmal um – und zack – wankt er weiter. Ich stoße im Gegensatz zu Frau R. keinen lauten Schrei aus. “Tja”, denke ich. “Selbst schuld, Supermarkt!” Doch einige Sekunden später habe ich einen Gedanken: Dat wissen die von dem Supermarkt! Die stellen ihre Ware da absichtlich raus, damit sich die was nehmen, die was brauchen. So wie bei der Give-Box. Und so wie in dem Lied: “Der ahle Mann steht vür d’r Weetschaftsdüür, der su jän ens eine drinke dät, doch der hätt vill zu wenig Jeld … Drink doch eine met!” Ach nä, wat is dat schön! Toll, diese Ehrenfelder Mitnehm-Kultur! Oder?

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