Berlin: Harter Tobak im Medizinhistorischen Museum

Das Museum gegenüber des Hauptbahnhofs
Das Museum gegenüber des Hauptbahnhofs

Okay, ich geb’s zu: Wenn der Tatort mir zu krass wird, schau’ ich weg. Im Medizinhistorischen Museum an der Charité in Berlin hätte ich das am liebsten auch manchmal gemacht. Aber das hatte ich mir ja selbst eingebrockt: Lange wollte ich dort schon einmal vorbeigehen. Und da es nur zehn Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof entfernt ist, passte es jetzt wunderbar, um Zeit zu überbrücken. Alles in allem sollte man aber schon zwei Stunden für den Besuch einplanen, denn das Museum hat drei Stockwerke.

Wechselnde Ausstellungen im ersten Stock des medizinhistorischen Museums der Charité

Neue Ausstellung im Medizinhistorischen Museum in Berlin
Neue Ausstellung im Medizinhistorischen Museum in Berlin

Im ersten Stock wechseln die Ausstellungen. Noch bis 2. Februar 2020 gibt es dort “Auf Messers Schneide. Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch zwischen Medizin und Mythos” zu sehen. das klingt ziemlich medizinisch. Dürfte aber auch für alle Nicht-Mediziner spannend sein, die die zweite Staffel der Serie Charité gesehen haben. Denn dort ist Sauerbruch einer der Protagonisten, und es geht um sein ambivalentes Verhältnis zu den Nationalsozialisten. In der Ausstellung wird das noch viel deutlicher: Fotografien, Schriftstücke und vor allem Tonaufnahmen geben hier dokumentarische Einblicke. So hört man beispielsweise Frau Sauerbruch über die letzten Kriegstage reden, die sie operierend im Krankenhausbunker zugebracht haben. Und Sauerbruch selbst hört man vor dem Entnazifizierungsausschuss sprechen. Näher an die Geschichte kommt man wohl kaum.

Konservierte Krankheiten im Medizinhistorischen Museum

Im nächsten Stock geht es um Medizin. Und nun ja – um Menschen. Zwar fängt es dort ganz verträglich an: Ich stelle fest, dass Nierensteine ganz unterschiedlich und sogar sehr schön aussehen können. Ein von Alzheimer deformiertes Gehirn schaue ich mir genau so an wie die vielfältigen Tumore und Karzinome, die hier in Gläsern präpariert sind. Wenn ich nicht wüsste, dass diese Wucherungen töten können, würde ich bei der Betrachtung nicht auf traurige Gedanken kommen. Das ist eindeutig anders, sobald man zu den Gläsern mit den missgebildeten Embryonen kommt. Dass sie nicht so aussehen sollten, weiß jeder: Körper ohne Beine, Gehirn, das aus dem Hinterkopf quillt, Kindsköpfe mit nur einem zentrierten Auge, zwei Körperchen, aneinandergewachsen. Schlimm. Insgesamt sind in diesem Saal 750 konservierte Orjekte. Die Präparate dienen noch heute der Forschung und stammen zu großen Teilen aus dem 19. Jahrhundert. Gesammelt hat sie Rudolf Virchow, seinerzeit berühmter Pathologe an der Charité.

Tipp: Interessante andere Museen in Berlin stelle ich hier vor.

Im dritten Stock des Medizinhistorischen Museums

Schließlich im dritten Stock stehen leere Krankenhausbetten. Gezeigt werden dazu einige Gegenstände aus der Zeit der Patienten, vielleicht einige Tagebuchseiten die zu ihrem Leben hätten passen können, und eine kurze Beschreibung ihres Krankheitsfalls sowie dessen Ausgang. Das geht ans Herz, weil es so persönlich ist, dass man meint, den Betreffenden zu kennen. Alles in allem war ich gut eineinhalb Stunden im Museum, für mich fast schon eine außergewöhnlich lange Zeit. Mir dessen bewusst, dass ich gesund bin, habe ich froh das Museum verlassen. Mein Respekt gilt den Ärzten, die täglich mit diesen menschlichen Katastrophen konfrontiert werden, und in der besten aller Welten vielleicht sogar noch Heilung oder wenigstens Linderung der Schmerzen ermöglichen.

Der Artikel ist ursprünglich vom 24. März 2017. Er wurde im Mai 2019 mit Informationen zur aktuellen Ausstellung aktualisiert.

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