Begegnungen: Bauerstochter im Zug


Warteraum am Bahnhof Wolfsburg

Ich steige in den Zug, gehe zu meinem reservierten Fensterplatz. Auf dem Gangplatz sitzt eine junge Frau, sehr schlank, weiße Hose, T-Shirt. Ihre langen, dunklen Haare hat sie hochgebunden, die Augen sind dezent geschminkt. Als ich mich setze, steckt sie ein dickes Buch ins Netz des Vodersitzes. „Ganz schön voll, der Zug“, sage ich. „Ja“, sagt sie. „Am Wochenende und an Feiertagen immer“. „Fahren Sie oft auf dieser Strecke?“, frage ich. „Nicht mehr so oft wie früher“, antwortet sie. „Ich wohne in Hannover, meine Eltern in Stendal. Ich fahre jetzt einen Krankenbesuch machen, mein Vater liegt im Krankenhaus. Er hatte eine Grippe, hat sie verschleppt, und irgendwie hat das auf die Wirbelsäule geschlagen. Er ist selbstständig, hat einen Bauernhof, da ist es schlecht wenn man krank ist. Aber wir haben Hilfe von de Berufsgenossenschaft bekommen. Wir haben Kühe, Rinder, zwei Bullen und Pferde. Sehen Sie, dies ist vor zwei Wochen geboren worden“, sagt sie und zeigt mir ein Bild eines Fohlens auf dem Smartphone. „Es ist schon etwas größer, die Stute hat es elf Monate getragen.“

Wir wechseln das Thema, unterhalten uns über den Hauptbahnhof in Wolfsburg, und wie man dort am besten eine Stunde Wartezeit verbringt. Das ist ziemlich schwierig, denn am Wolfsburger Hauptbahnhof gibt es außer einem Zeitschriftenladen, einem Café und einem kleinen McDonald’s nichts. Ich erzähle ihr, dass ich keine belegten Brötchen mehr essen mag, weil ich sie unterwegs ständig esse. Und dass ich deswegen bei McDonald’s einen Burger mit Currysoße gegessen habe, der aber gar nicht lecker war. Darum habe ich mir im Café als Nachtisch ein Teilchen geholt, es hieß Schiene: Dunkler Teig mit dunkelroter Marmelade und parallel angeordneten Schokogußstreifen. „Das Café hat wirklich sehr gute Teilchen“, sagt sie. „Und Sie dürfen bei McDonald’s nicht die 99-Cent-Burger essen. Die sind widerlich. Aber wenn sie etwas mehr ausgeben, bekommen sie einen wirklich guten Burger. Ach, jetzt habe ich gerade richtig Hunger auf Fastfood bekommen, ich glaube, ich fahre auf dem Weg ins Krankenhaus gleich noch bei McDonald’s vorbei“, sagt sie. Ich schmunzle. Ihren Tipp werde ich künftig aber beherzigen.

Unsere gemeinsame Fahrtzeit betrug 28 Minuten.

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