Begegnung mit einer Taxifahrerin


Bahnhof Stendal

„Leben Sie schon immer hier?“, frage ich die Taxifahrerin, als wir durch eine einspurige Allee fahren wie durch einen Tunnel aus Bäumen. „Nein“, sagt sie.“Wissen Sie, ich bin gelernte Industriekauffrau. Nach der Wende bekam ich keinen Job, aber ich sah in der Zeitung immer, dass Taxifahrer gesucht werden. Ich fahre gerne Auto, ich kann mit Menschen umgehen, also wurde ich Taxifahrerin. Dann habe ich doch nochmal einen Mann kennengelernt. Ich habe zwar schnell gemerkt, dass das einer von denen war, die keiner braucht und habe mich darum getrennt. Aber da war ich schon hier, und konnte wieder in meinem alten Beruf 30 Stunden pro Woche arbeiten. Also blieb ich. Das war 1999. Ich fuhr damals nur an den Sonntagen Taxi.

Jetzt bin ich längst in Rente, aber sonntags fahre ich trotzdem noch, um etwas mehr Geld zur Verfügung zu haben. Am 15. kommt aber der Möbelwagen, und ich ziehe zu meinem Sohn nach Rossau.“ – „Warum das?“, frage ich. „Wissen Sie, mein einer Sohn wohnt 30 Kilometer von hier. Er ist Unternehmer und hat nie Zeit. Neulich hätte ich ihn gebraucht, es hätte nur zehn Minuten gedauert, und ich wäre auch zu ihm hingefahren. Aber ‚Nee‘, sagt er am Telefon, ‚ich habe keine Zeit‘. Tja. Wie wird das dann mal sein, wenn ich ihn wirklich brauche? Auf meinen Jüngeren, auf den kann ich mich verlassen, aber der wohnt eben in Rossau. Er hat mir jetzt eine Wohnung besorgt, so wie ich sie wollte. Und jetzt ziehe ich um.“ – „Werden Sie dann dort auch noch Taxi fahren?“ – „Nein, denn ich müsste die Ortskundigen-Prüfung dort machen. Und das will ich jetzt nicht mehr.“

Gemeinsame Fahrtzeit: 15 Minuten.

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