Peru: Übernachten auf Amantani

Aurelia kocht
Aurelia kocht

Auf Amantanis höchsten Punkt standen einst Tempel, die Pachamama, Mutter Erde, gewidmet waren. In 4.000 Metern Höhe sind heute nur noch ihre Ruinen. Hier ist der Himmel zum Greifen nahe. Keine Abgase, keine Hochhäuser, kein Lärm stören den Sonnenuntergang. Orange, dann golden, schließlich purpur färbt sich der Horizont. Das Licht schwindet. Und dann ist der Himmel mit Millionen glänzender und blinkender Sterne bedeckt. Zwischendrin ein dickes weißes Band: die Milchstraße.

Vier Stunden fahren die Motorboote über den See zu der 32 Quadratkilometer großen Insel. Rund 3.000 Menschen leben hier – ohne Elektrizität und ohne Autos. Touristen werden bei der Ankunft Gastfamilien für einen oder zwei Tage zugeteilt. Hotels gibt es keine. Wer nach Amantaní kommt, sehnt sich nach Ruhe und Harmonie, nicht nach Luxus und Party.

Aurelia ist eine der vielen einheimischen Gastmütter. Sie sieht viel älter aus als 27. Ihre Haut hat Falten, ihre Zähne sind ungepflegt, das schwarze glänzende Haar hat sie zu einem Zopf gebunden. Gegen die gleißende Sonne trägt sie eine ausgewaschene Baseballmütze. Trotz Hitze hat sie einen dicken Wollpullover und dicke Wollstrümpfe an, denn die Temperatur schwankt hier innerhalb eines Tages so stark wie in Deutschland innerhalb eines Jahres. Aurelia ist nicht verheiratet. Wie fast alle jungen Leute auf Amantaní spricht sie auch spanisch, obwohl die Sprache der indígenas, also der Eingeborenen, Quechua ist. Touristen kocht sie Coca-Thymian-Tee. Er hilft gegen die Höhenkrankheit, die Kopfschmerzen und Übelkeit hervorruft. Die dünne Luft auf 4.000 Metern macht Touristen aus dem Flachland schnell krank.

Übernachten bei Einheimischen

Gegessen wird auf Amantani Quinua-Suppe und Kartoffeln. Quinua ist ein Getreide, das dunkelrot auf der Insel und an den Ufern des Titicacasees wächst. Und Kartoffeln gibt es morgens, mittags und abends. Helle Kartoffeln, braune Kartoffeln, rosa und violette Kartoffeln. Die Bewohner Amantanís leben hauptsächlich vom Ackerbau und auch immer mehr vom Tourismus.

Aurelia kocht in einer Hütte, die nur einen Raum hat, die Küche. Das offene Feuer wird aus Eukalyptus-Holz gemacht, direkt unter einem runden Loch in der Wand, dem Abzug. Ihre Töpfe sind gusseisern, in der Ecke stehen einige Plastikschüsseln. Der Boden ist nur aus gestampfter Erde. Hier tollen sich die cuys, Meerschweinchen. Gebraten gelten sie in den Andenländern als Spezialität. Die Tiere sieht man überall auf der grünen Insel. Sie sind so häufig wie anderswo Katzen oder Hunde. Sie leben unter den Eukalyptus-Bäumen und im dichten Gras, huschen durch die bunten Lupinen-Felder und tummeln sich in den Tempelruinen.

Nachdem die Sonne im Titicacasee untergegangen ist, ziehen sich die Gastgeber zurück und lassen die Touristen alleine. Von den Lupinen-Feldern weht ein süßer schwerer Duft über die Insel. Der Wind spielt mit den Blättern der Eukalyptus-Bäume. Vereinzelt gibt es Glühwürmchen. Und über allem ist der Himmel, übersät mit Sternen. Die Milchstraße kommt hier vorbei und führt nach nirgendwo.

Coca-Tee für Gäste

Für Touristen ist das Schilfrohrbett ungewohnt hart. Und häufig wird es in der Nacht sehr kalt. Sogar im Sommer kann die Temperatur unter Null Grad fallen. Darum bekommen die Touristen viele Webteppiche und Alpacadecken. Doch gegen die Nässe schützen diese nicht: Wenn es regnet, tropft Wasser durch das Schilfdach auf die Schlafenden.

Der nächste Tag beginnt früh: Um sechs Uhr kocht Aurelia Coca-Tee für die Gäste aus den fernen Ländern. Sie schüttet frisches Wasser in den Steintrog, damit sie sich waschen können und brät Kartoffeln zum Frühstück. Die Touristen sammeln sich danach an der Bootsanlegestelle und fahren zurück ans Festland. Für sie ist wieder eine Station ihrer Reise abgeschlossen. Den Sternenhimmel aber können sie in ihrem Kopf mit zurück nach Deutschland nehmen.

In der Fußgängerzone von Puno, rechts und links der Calle Libertad, gibt es viele Reiseagenturen, die Zwei-Tages-Trips nach Amantaní anbieten. Der Ausflug kostet mit Übernachtung ungefähr 30 Mark. Für die Gastfamilie sollte man Kekse und frisches Obst mitbringen. Wichtig: Regenschutz, Sonnencreme und warme Kleidung.

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