Köln: Begegnungen mit Bettlern

In Köln sieht man oft ähnliche Bettler am Straßenrand sitzen, wie auf diesem Schmuckbild.
In Köln sieht man oft ähnliche Bettler am Straßenrand sitzen, wie auf diesem Schmuckbild.

„Ist das Raucherhusten?“, fragt mich der Obdachlose neugierig, als ich auf einer Bank an der Haltestelle Friesenplatz sitzend einen Hustenanfall bekomme. Meine Erkältung schüttelt meinen Körper, während ich huste und huste und dabei mit dem Kopf verneine. „Dann hilft Dr. Heinrich am besten. Hat meine Mutter immer genommen. Ist so ein kleines Fläschchen, gibt’s nur in der Apotheke, kostet 5 Euro“, rät der Mann mir weiter. „Nimmst du am besten mit Fenchelsirup oder Honig.“ Irgendwie überrascht mich sein Ratschlag. Ich vergesse oft, das Obdachlose in der Regel nicht ohne Dach über dem Kopf geboren werden, dass jeder von ihnen eine Geschichte hat.

Er, mit seiner Mütze, dem Bart und dem dicken Schal hat allerdings zunächst nicht den Eindruck gemacht, als ob er Tipps gegen Erkältungsbeschwerden parat hätte. Er kam zielgerichtet auf mich zu, gab dem Mülleimer nehmen mir einen donnernden Fußtritt und knurrte mich an:“Das mache ich nur, wenn ich angegriffen werde“. Danach erzählte er mir, zu nah vor mir stehend, eine Geschichte, die ich nicht wirklich verstand. Er nuschelte den Großteil seiner Erzählung in seinen Schal. Was ich meine, verstanden zu haben, ist, dass er jemanden gestellt und der Polizei übergeben hat, dass diese sich aber nicht einmal bei ihm bedankt hatte. Allerdings benutzte er sehr viel mehr Wörter, um diese Geschichte zu erzählen. Dann kam mein Husten, dann sein Tipp, Dr. Heinrich zu kaufen.

Als er sich weiterschleppt, sehe ich, wie dünn er ist. Erst von hinten wird deutlich, dass er mehr oder weniger nur noch ein Skelett in Jeans ist. Ich schäme mich, dass ich ihm nicht mehr Geld gegeben habe, aber jede weitere oder größere Münze wäre auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen. Zu den Mädchen neben mir sagt er im Vorbeigehen, sie sollten auf ihren süßen Hund gut aufpassen, es gebe genügend Leute, die Giftköder auslegen. „Wissen wir“, sagen sie eifrig nickend, er geht weiter, meine Bahn kommt.

Gang durch die Hohe Straße

Er ist nicht der einzige Bettler, den ich heute gesehen habe. Im Gegenteil, die Hohe Straße und die Schildergasse waren an diesem Sonntag voll mit Menschen, die rechts und links in den Eingängen der geschlossenen Läden saßen und einen Kaffeebecher vor sich stehen hatten. Manche bieten auch Kunst an: Ein Scherenschnitt dauert nur wenige Minuten und kostet zwei Euro, schreibt ein Herr, ein anderer mit dunkler Hautfarbe verkauft Bilder von den Domspitzen, hinter denen die Sonne untergeht. Ein Mann schenkt einem kleinen Jungen, der mit seiner Mutter in einem Eingang steht, eine Flasche Kölsch. „Geld hab‘ ich nicht“, ruft er im Weitergehen. Mutter und Sohn sehen nicht aus, als ob sie ihn verstanden hätten oder wüssten, was Sie mit der Flasche machen sollen.

Rechts fällt mir ein Mann auf mit einem Schild „Grüß Gott! Bitte um eine Spende!“ Das ß ist als B geschrieben, die Pünktchen auf dem U fehlen. Eigentlich steht da also „GruB Gott“ – und überhaupt gehört dieser Gruß eigentlich nichts in Rheinland, sondern nach Bayern, denke ich. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich ihn mir merke. Und deswegen fällt mir auch auf, dass eine Frau einige Meter weiter auf der linken Seite ein identisches Schild vor Sicht hat: „GruB Gott! Bitte um eine Spende!“ Selbst der Zeilenumbruch ist an derselben Stelle, nämlich nach „Gott“ und nach „eine“. In der Schildergasse sehe ich dann einen weiteren Mann mit exakt dem gleichen Schild, kein Zweifel, die Bettelmafia nutzt den Sonntag.

Aber, Bettelmafia, etwas mehr Kreativität hätte ich Euch schon zugetraut. Doch macht Euch keine Hoffnungen, Eure miesen Geschäfte werde ich nicht unterstützen. Vielleicht solltet Ihr Euren Leuten beibringen, das Gespräch mit den Kölnern zu suchen? Könnten Eure Osteuropäer Erkältungstipps geben, wäre der Erlös für Euch vielleicht noch lukrativer.

Artikel bei der Deutschen Welle von 2011 über die Bettelmafia in Köln

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