Ein Wochenende in Den Haag: Chinatown, der Internationale Gerichtshof und ein Ausflug nach Delft

Dreieinhalb Stunden trennen mich von einer anderen Welt. Dreieinhalb Stunden, die ich im Zug entspannt zurücklegen kann, und die mich wieder einmal in die Niederlande bringen: Den Haag ist dieses Mal das Ziel, die Stadt, die eigentlich gar keine Stadt ist. Denn im Mittelalter wurde ihr der Stadtstatus vorbehalten. Heute hat Den Haag über eine halbe Million Einwohner, offiziell sitzt hier die Regierung, und das Königshaus residiert hier. Da ist die Frage ob Stadt oder nicht nicht mehr so wichtig.

Eine andere Welt ist es für mich so oder so, denn hier wird eine andere Sprache gesprochen, man isst andere Dinge, die Häuser sehen anders aus. Ich liebe es, wie facettenreich Europa ist, und wie schnell man in eine andere Welt eintauchen kann, wenn man sich für einige Stunden in einen Zug setzt. Und das alles, ohne dass es sehr teuer wird. Wir hatten über Secret Escapes wieder einmal ein Schnäppchen ergattert, ein echtes Schnäppchen. Denn für unser Hotelzimmer für drei Nächte zahlen wir nur knapp 200 Euro. Inklusive ist das Frühstück und an einem Abend ein Zweigang-Menü. Das Hotel Babylon liegt am Hauptbahnhof, von hier kommt man auch gut zu Fuß in die Stadt mit ihren schönen holländischen Häuschen mit den hohen Giebeln.

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Plötzlich stehen wir vor einem chinesischen Tor mit vielen Ornamenten, ein Eingang zu Chinatown. Dahinter vergisst man, dass man in Europa ist. In den Geschäften gibt es viel, was man aus den asiatischen Ländern kennt: Tees, Gewürze, spezielles Gebäck und natürlich Instant-Nudelsuppen. Vieles ist mit fremden Schriftzeichen beschriftet, so dass man raten muss, was der Inhalt sein könnte. Wir finden ein Dim Sum Restaurant und gehen auf gut Glück am Sonntagabend hinein. Eine Rolltreppe fährt auf die Restaurantebene, gut 100 Leute sitzen hier an Tischen, wir bekommen den letzten freien am Durchgang zur Toilette. Gut, dass wir nicht wählerisch waren, denn nach wenigen Minuten stehen etwa 30 Leute in jenem Durchgang und warten auf den nächsten freien Tisch – alle haben asiatische Gesichtszüge. Wir fühlen uns dabei beobachtet, wie wir mit den Stäbchen die feinen Teigtaschen vorsichtig aus den Körbchen in die Soße dippen und dann in den Mund führen, das geht nicht immer gut, und manchmal meinen wir, ein Kichern hinter uns zu hören. Nicht schlimm, denn wir lachen ja auch über uns selbst.

Mit der Straßenbahn nach Delft und Scheveningen

Samstags kaufen wir uns für rund sechs Euro ein Tagesticket für den öffentlichen Personennahverkehr. Damit fahren wir rund 40 Minuten nach Delft. Ein kleines, lebhaftes Städtchen mit Grachten und vielen Geschäften. Bei Cheese and more am Rathaus gibt es Käse in vielen Geschmacksrichtungen: Champagner, Rum, Lavendel. Ich mag den geräucherten am liebsten. Natürlich findet man auch überall die Delfter Keramik mit ihren blauen Motiven. Delft ist definitiv einen Ausflug wert.

Scheveningen kann man meiner Meinung nach allerdings auslassen. Zwar ist Den Haags Strand an der Nordsee, und es gibt einen Strand mit Promenade. Aber ich kann mich nicht erinnern, jemals eine verbautere Promenade gesehen zu haben. Hinzu kommt, dass nahezu in jedem Haus ein Restaurant oder eine Kneipe ist, so dass man das Gefühl hat, am Ballermann auf Mallorca zu sein. Dann gibt es noch den überdachten Pier, der zu einem Aussichtsturm führt: Dort ist eine Art Kirmes mit lauter Musik, Fressbuden und Verkaufsständen. Am Ende kann man die Treppen rund um den Turm nach oben steigen. Der Blick auf die Promenade wird dadurch allerdings nicht schöner. Eine hübsche Ecke gibt es aber doch: Dort, wo die Figuren und Figürchen Märchen erzählen, dort ist die Promenade ganz hübsch. Katharina vom Niederlandeblog hat noch mehr über die Promenade und die Figuren geschrieben.

Ein architektonischer Stadtspaziergang

In der Touristeninformation haben wir für etwa zwei Euro eine dünne Broschüre mit einem angeleiteten Stadtspaziergang gekauft. Fokus: Architektur. Es war zwar nicht immer einfach, den Anleitungen zu folgen und das richtige Gebäude zu finden, aber oft hat’s geklappt. Wir haben so eine ganze Menge über die Architektur Den Haags in den letzten Jahrhunderten erfahren. Beispielsweise war eine der Grachten die einzige Verteidigung gegen Feinde, denn eine Stadtmauer gab es nie. Wir waren so im Stadhuis, der Verwaltung, mit seiner unendlich hoch scheinenden Decke. Wir haben den Binnenhof gesehen und seine Geschichte gelesen, viele Ministerien uns erlaufen und das schmalste Haus Den Haags entdeckt. Außerdem haben wir gelernt, dass es U-Bahnstationen gibt, in denen Parkett verlegt wurde, und in denen man die Funde eines ehemaligen Klosters als Ausstellungsstücke in den Boden integriert hat.

Zusammenschnitt meiner Snapchat-Geschichte. Dort bin ich kuechenzuruf.

Was man in Den Haag auf keinen Fall verpassen sollte

  • Der Internationale Gerichtshof hat seinen Sitz im Friedenspalast. Dort hinein kommt man nur mit einer Führung, die man aber online buchen kann. Wem das zu aufwändig ist, der kann ins Besucherzentrum vor dem Friedenspalast gehen und dort mit einem Audioguide in etwa einer halben Stunde sehr viel über die Geschichte und die Funktion des Internationalen Gerichtshofes lernen. Der Eintritt kostet nichts.
  • Sehr zentral ist das Gefängnis- und Foltermuseum. Wir sprechen zwar kein niederländisch, haben aber trotzdem die niederländische Tour mitgemacht. Wir hatten Glück, denn wir waren nur zu sechst, zwei der Besucher waren Kinder, und unser Museumsführer hat sehr langsam und deutlich gesprochen, so dass wir viel verstehen konnten. Ich glaube, die Tour war so spannender als auf Englisch, die Geschichten waren teils lustig, teils sehr blutrünstig.
  • Das Escher-Museum ist sogar für die Leute Pflicht, die den Namen M.C. Escher noch nie gehört, und mit Kunst nichts am Hut haben. Die perspektivischen Bilder des Künstlers und seine ineinanderverschlungenen Motive sind absolut sehenswert, selbst wenn man viele schon kennt. Im obersten Stock kann man Escher selbst erleben, quasi eins werden mit der Kunst. Das macht ganz sicher nicht nur Kindern Spaß.
  • Für mich ein absolutes Highlight war der Afternoon Tea oder High Tea im Hotel des Indes. Dort sitzt man in einer sehr gepflegten Umgebung in der Hotelhalle mit ihrem mondänen Treppenaufgang, den großen Blumengestecken und den funkelnden Lampenschirmen und hat die Wahl, ob man den klassischen Afternoon Tea mit der Etagere wählt oder den High Tea, der aus mehreren kalten und warmen Gängen besteht. Wir haben uns für den letzteren entschieden. Jeder der Gänge war gut, wenn auch etwas klein. Zum krönenden Abschluss gab es dann allerdings eine überraschend große Platte mit Kuchenstücken und Keksen. Für mich hätte es aber etwas mehr Tee sein dürfen.

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