Berlin: Harter Tobak im Medizinhistorischen Museum in der Charité

Das Museum gegenüber des Hauptbahnhofs
Das Museum gegenüber des Hauptbahnhofs

Okay, ich geb’s zu: Wenn der Tatort mir zu krass wird, schau‘ ich weg. Im Medizinhistorischen Museum an der Charité in Berlin hätte ich das am liebsten auch manchmal gemacht. Aber das hatte ich mir ja selbst eingebrockt: Lange wollte ich dort schon einmal vorbeigehen. Und da es nur zehn Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof entfernt ist, passte es jetzt wunderbar, um Zeit zu überbrücken. Alles in allem sollte man aber schon zwei Stunden für den Besuch einplanen, denn das Museum hat drei Stockwerke.

Im ersten Stock wechseln die Ausstellungen. Noch bis Anfang 2018 ist dort Hieb § Stich, dabei geht es um die Arbeit der Polizei bei der Aufklärung von Verbrechen. Das fängt ziemlich harmlos an mit der Inszenierung zweier fiktiver Tatorte und der Beweisaufnahme. Doch dann ist man plötzlich mittendrin in der Welt, die oft so schlecht ist: Hinter Glas liegen ein Schlachterbeil und einige Messer. Das Blut daran ist echt, die Waffen sind aus der Asservatenkammer. Eine Vitrine weiter Stoffetzen, die man an einer weiblichen Leiche fand. Sie wurde nie identifiziert. Wie kann es sein, dass eine junge Frau von niemandem vermisst, ihr rekonstruiertes Gesicht niemandem bekannt ist? Richtig fies, also so, dass sich fast mein Magen umgedreht hätte: der Kopf einer Wasserleiche. Gut, dass die Erklärung dazu, warum sich das Fettgewebe umbaut, wenn es lange in Wasser liegt, so sachlich ist, dass das Kopfkino schnell stehenbleibt. Ebenso eklig: Maden. Viele. In Gläsern. Denn wo eine Leiche ist, sind sie auch – sehr schnell. Harter Stoff, das alles.

Konservierte Krankheiten

Im nächsten Stock wird es nicht wirklich besser. Zwar fängt es auch dort verträglich an: Ich stelle fest, dass Nierensteine ganz unterschiedlich und sogar sehr schön aussehen können. Ein von Alzheimer deformiertes Gehirn schaue ich mir genau so an wie die vielfältigen Tumore und Karzinome, die hier in Gläser präpariert sind. Wenn ich nicht wüsste, dass diese Wucherungen töten können, würde ich bei der Betrachtung nicht auf traurige Gedanken kommen. Das ist eindeutig anders, sobald man zu den Gläsern mit den missgebildeten Embryonen kommt. Dass sie nicht so aussehen sollten, weiß jeder: Körper ohne Beine, Gehirn, das aus dem Hinterkopf quillt, Kindsköpfe mit nur einem zentrierten Auge, zwei Körperchen, aneinandergewachsen. Schlimm. Insgesamt sind in diesem Saal 750 konservierte Organe. Die Präparate dienen noch heute der Forschung und stammen zu großen Teilen aus dem 19. Jahrhundert. Gesammelt hat sie Rudolf Virchow, seinerzeit berühmter Pathologe an der Charité.

Schließlich im dritten Stock stehen leere Krankenhausbetten. Gezeigt werden dazu einige persönliche Gegenstände der Patienten, vielleicht einige Tagebuchseiten in ihrer Schrift, und eine kurze Beschreibung ihres Krankheitsfalls sowie dessen Ausgang. Das geht ans Herz, weil es so persönlich ist, dass man meint, den Betreffenden zu kennen. Alles in allem war ich gut eineinhalb Stunden im Museum, für mich fast schon eine außergewöhnlich lange Zeit. Mir dessen bewusst, dass ich gesund bin, habe ich froh das Museum verlassen. Mein Respekt gilt den Ärzten, die täglich mit diesen menschlichen Katastrophen konfrontiert werden, und in der besten aller Welten vielleicht sogar noch Heilung oder wenigstens Linderung der Schmerzen ermöglichen. Und den Kriminalbeamten, die Verbrechen aufklären, die hier so viel realistischer gezeigt werden, als in jedem Tatort am Sonntagabend.

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